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Ost und West · 1909-02-01 · Heft 2 (Februar 1909) · p. Seite 79 - 80

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 2 (Februar 1909)
Article
Religiöse Postulate
Date
1909-02-01
Page
Seite 79 - 80 (sequence 6)
Language
German
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79 Prof. Dr. Hermann Cohen: Religiöse Postulate. 80 der äussern und innern Abhängigkeit unserer Gelehrten von ihren Gemeinden. Und wir müssen auf diesem unserem eigensten Grunde wieder in den Vordergrund kommen. Soviel wir der protestantischen Kathedertheologie für das Verständnis des Prophetismus zu danken haben, so bleibt doch auch dort der Zusammenhang mit ihrer Theologie massgebend. Daher ist der Begriff des Messianismus dort noch nicht zu jener Tiefe und Klarheit für die Idee Gottes gekommen, wie sie bei uns sich natürlich herausstellt, dort jedoch durch die Christologie gehemmt wird. Wenn wir aber in der Bibelforschung zu einer ebenso wissenschaftlich freien, .wie dem Geiste des Judentums gemässen Wirksamkeit wiederkommen wollen, so müssen wir unser literarisches Ghetto, wie Zunz es nannte, allgemach verlassen, und den Weg zur Universität anstreben. Dort ist das Forum, auf dem und vor dem die Gegensätze ausgekämpft und ansgeglichen werden. Freilich wird es noch eine Weile dauern, bis auch die Mauern dieses unseres geistigen Ghettos fallen werden. Aber es ist ausser Zweifel, sie werden dahinsinken, wie alle Schranken der Geistesfreiheit unter den Menschen, geschweige unter den Angehörigen desselben Staates. Bis dahin freilich müssen wir darauf bedacht bleiben, und zugleich es auch immer eifriger werden, dass wir unsere eigenen Lehranstalten dem Geiste der Universität gemäss immer innerlicher, und zugleich immer breiter, weiter und umfangreicher ausbauen. Und ebenso müssen wir die Bestrebungen, welche neuerdings wieder auf die Förderung unserer Wissenschaft gerichtet wurden, kräftig und eifrig unterstützen. Das ist ebenso sehr Eeligion, wie Politik und Wissenschaft. Unsere politische Gleichberechtigung stützt sich im letzten Grunde auf die geistige Kraft, die wir aus unseren Eeligionsquellen schöpfen. Und es ist sehr notwendig, dass auch vom rein politischen Gesichtspunkte diese Einsicht sich mehr verbreite: wie wir als Juden der modernen Kultur nicht allein von dieser, sondern auch von unserer spezifisch religiösen Kultur genährt und geleitet werden. Aber auch als eigenste Sache der Religion muss diese Pflicht der Sorge für unsere Wissenschaft erkannt nnd betätigt werden. Eine moderne Kulturreligion lebt kein wahrhaftes Leben, wenn sie nur in der Trägheit der Gebräuche und wenn diese selbst auf das Innerlichste gepflegt werden, sich fortführt. Jedes Kulturleben, auch das der Eeligion, ist ein geistiges, nicht nur ein seelisches. Es genügt nicht, wenn das Gemüt von den alten Sitten und von den alten geistigen Schätzen selbst befriedigt und gehoben wird. Die geistigen Schätze müssen neu erworben, durch neue Arbeit wieder entdeckt, durch Vergleichung und neue Beleuchtung neugestaltet und in neuer Erzeugung fortentwickelt werden. Das gilt von der rabbinischen Literatur nicht minder als von der biblischen. Und ein reiches Feld steht dabei noch offen, von dem die allgemeine Wissenschaft noch so gut wie gar nichts weiss, nämlich das grosse Gebiet unserer religionsphilosophischen Literatur, welche mit dem 9. Jahrhundert einsetzt. So reiht sich diese Aufgabe an die beiden ersten an. Denn nur wenn wir aus der Geschichte unserer Eeligionsphilosophie, welche die Geschichte unserer Dogmatik ist, es erweisen, dass die Idee des Einzigen Gottes in ethischer Klarheit nach ihrem Zusammenhange mit der Idee der sittlichen Menschheit immerdar erkannt und behauptet worden ist, nur dann können wir von der Wahrheit unserer Eeligion eine zuverlässige Ueberzeugung befestigen. Und nur wenn wir eine zuverlässige Ueberzeugung gewinnen, können wir der Würde unserer Eeligion gemäss ihre Bekenner bleiben. Das ist die Bedeutung unseres Verbandes, dass wir nicht nur aus politischem Freisinn und aus Gerechtigkeitssinn, und nicht nur aus angeerbter Zugehörigkeit zu unserem Stamme Juden sein wollen, sondern dass wir deutsche Juden sind und bleiben wollen im Glauben an den Einzigen Gott. Aus der dritten Forderung ist eine Konsequenz zu ziehen, die ich bei diesem Wiederabdruck der Eede hinzufüge. Die Pflege unserer Wissenschaft erheischt praktische Forderungen für unsern Kultus und für den Eeligionsunterricht. In meiner Gedenkrede auf Salomon Neumann, an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums gehalten, (s. „Ost u. West" Heft 1, Seite 51/58) habe ich schon darauf hingedeutet. Die Pflege unserer Wissenschaft fordert Pfleger. Diese aber müssen aus der Masse, die an der Sache einen Herzensanteil hat, geistig und seelisch herangebildet werden. Nur so wird der religiöse Pulsschlag erhalten, ohne den es keine Wissenschaft von einer lebendigen Eeligion geben kann. Wenn man es selbst wollte, so könnte man die frivole Abfertigung: die Eeligion für das Volk! nicht dahin unbedingt und uneingeschränkt weiter tragen: Und die EeligionsWissenschaft für die Gelehrten! Denn zwischen dem sogenannten Volk und den Gelehrten steht die grosse Schicht der Gebildeten, deren Anteil an der Eeligion ohne wissenschaftlichreligiöse Bildung nicht lebendig bleiben kann. Der Zug der Zeit geht in allen Dingen auf Verallgemeinerung des Wissens, und was von diesem Zuge sich nicht mitbeschwingen lässt, das muss verkommen. Unsere Eeligion hat sich trotz allem sozialen Elend kräftig erhalten, weil es ihrem Studium gegenüber kein Proletariat gab. Die Kultur hat uns nunmehr auf andere Bahnen gelenkt; dennoch aber dürfen wir unsern alten Weg nicht ganz verlassen, wenn anders wir nicht von unserer Eeligion lassen wollen. Wie die Wissenschaft von einer lebendigen Eeligion nur von Denen aus dem Vollen und aus der Tiefe so gewürdigt wie gepflegt werden kann, die ihr angehören, so kann sie auch

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