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Ost und West · 1909-02-01 · Heft 2 (Februar 1909) · p. Seite 77 - 78

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 2 (Februar 1909)
Article
Religiöse Postulate
Date
1909-02-01
Page
Seite 77 - 78 (sequence 5)
Language
German
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77 Prof. Dr. Hermann Cohen: Religiöse Postulate. 78 sondern welche ihrem Begriffe gemäss es möglich macht, dass wir unsern Staat als unser Vaterland erkennen und lieben lernen. Ein kurzes Wort kann ich mir nicht versagen, über unsere besondere Lage, als deutsche Juden auszusprechen, obschon es mir nicht geziemend scheint, nicht den Schein zu meiden, als ob man heutzutage das nationale Wohlwollen kaptivieren wollte. Wir deutsche Juden stehen nun aber in einem besonderen Pietätsverhältnis zu unserem deutschen Vaterlande, mehr als die Franzosen und die Engländer zu dem ihrigen. Auf den Beginn und den Grad der Durchführung der politischen Gleichberechtigung kommt es dabei nicht an. Nur Italien, in dem von seiner frühesten Renaissance ab den Juden ein innerlicher Anteil an der allgemeinen Kultur zugefallen ist, könnte für die italienischen Juden selbst hiermit in Vergleich kommen. Deutschland aber ist das Mutterland der Kultur für die europäische Judenheit überhaupt. Schon daraus, dass es bei der Vertreibung aus Spanien den Durchgang bildete für die Ueberschwemmung des Ostens, mag sich dies zum Teil erklären. Der tiefere Grund liegt sicherlich in der inneren Verwandtschaft des jüdischen und des deutschen Geistes, worauf schon Heine hingewiesen hat. So konnten wir seit der Eömerzeit in Deutschland sesshaft werden; und während im übrigen Europa, ausser in Italien, die Juden für Jahrhunderte ausgewiesen wurden, gab es keine Zeit, in der wir in Deutschland trotz allen Verfolgungen und Hinschlachtungen nicht dennoch im Lande geblieben wären. So konnte deutsches Wesen in Sprache und Sitte, in Dichtung und Denkart sich uns einpflanzen, und in Geist und Gemüt lebendig und fruchtbar werden. Es ist eine zentrale Kulturkraft, welche das deutsche Volkstum für uns bildet. Die eigentliche geschichtliche Analogie liegt in der spanisch-arabischen Kultur. Wie dort alle Zweige der Wissenschaft und der Kunst, insbesondere aber auch die innerste Lehrverfassung unserer Eeligion von dem stammverwandten arabischen Wesen beeinflusst wurden, so hier von der sittlichen Strenge und der Gemütstiefe des deutschen Geistes. Ich behalte mir vor, diesen Gedanken an einem illustren Beispiel demuächst zu erweisen. Bekannt ist es aber, dass dieselbe Anhänglichkeit, welche noch im fernsten Orient die Nachkommen jener Opfer der Inquisition an die Sprache ihrer alten spanischen Heimat knüpft, überall in der Welt, insbesondere auch in Südrussland dem mittelalterlichen Deutsch zugewendet geblieben ist. Kein Wunder, dass auch Spinoza in seinem Bücherschrank aus der schönen Literatur nur spanische Bücher stehen hatte. So teilen wir zwar mit den Deutschen den Sinn für Weltliteratur, aber unsere deutschen Dichter sind uns doch in einem intimeren Sinne unser, als dies die Klassiker aller Zeiten sind. Es ist von tiefer Bedeutung, dass auch diese unsere innigere Anhänglichkeit an unsere klassische Literatur einen Grund hat, der in dem innersten Boden unserer Eeligion wurzelt. Als diesen kennen wir die messianische Humanität Die Grundidee unserer deutschen klassischen Literatur aber ist die weltbürgerliche Humanität. Daher heisst dieses Zeitalter das Zeitalter der Humanität. Und es ist nicht allein der weitherzige Sinn für die Völkerstimmen in der Dichtung, sondern es ist der ethische Zug menschheitlicher Gesinnung, der diese klassische Richtung des deutschen Geistes ausgeprägt hat* Bei Herder zeigt sich ja diese Gleichartigkeit des Weges im „Geiste der hebräischen Poesie" und in den „Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit". Auch erfordert es die literarische Gewissenhaftigkeit, den Gedanken nicht unausgesprochen zu lassen, dass wir unsernklaren, sicheren und lebendigen Begriff der messianischen Idee vielleicht nicht erlangt haben würden, wenn nicht der Geist des deutschen Zeitalters der Humanität für die Tiefe dieses unseres prophetischen Grundgedankens den Sinn uns geweckt, den Blick uns geweitet hätte. So verdanken wir dem deutschen Geiste vielleicht auch einen grossen Anteil an der Neubelebung unseres religiösen Geistes. Unser Moses Mendelssohn ist der Doppelspross dieses einheitlichen Wesens. Und wenngleich wir sein religionsphilosophisches Programm nicht annehmen konnten, so betrachten wir uns doch in unvergänglicher Dankbarkeit als die Erben seines jüdischen und seines deutschen Geistes. Als drittes Postulat stelle ich die Forderung einer verschärften Sorge für unsere Wissenschaft. Diese Aufgabe hat wiederum ganz besondere Schwierigkeiten. Unsere Lage erfordert in allen Fragen eine doppelte Fürsorge. Wir müssen immer vorab für die ideale Zukunft unsere Massregeln einrichten, damit wir das prinzipiell Bichtige nicht verfehlen. Ferner aber müssen wir zugleich immer genau auf die Gegenwart mit ihren Mängeln und auf deren tunlichste Abhülfe bedacht sein. Bei der Pflege der Wissenschaft, für die die Staatsverwaltung so grosse Summen in Anspruch nimmt, macht sich diese Schwierigkeit daher für uns schon aus dem finanziellen Gesichtspunkte sehr empfindlich. Es kommen nun aber noch grosse innere Schwierigkeiten hinzu. Ich brauche nur den heutigen Zeitungsleser an die Konflikte der Universitätsverwaltungen mit den Kirchenverwaltungen in Fragen der theoretischen Lehrstühle zu erinnern. Was wäre aus der protestantischen Theologie geworden, wenn sie nur auf die Pastoren des Kirchenregiments angewiesen wäre. Der Hauptsache nach steht es aber so bei uns, dass unsere Rabbiner zugleich unsere Professoren sind. Wir sind wahrlich dabei nicht schlecht gefahren. Es genügt, wenn ich unter der grossen Zahl verdienter Männer nur auf Zacharias Frankel und Abraham Geiger hinweise. Dennoch aber bleibt die Schwierigkeit bestehen. Dass wir in der Bibelforschung ins Hintertreffen gekommen sind, hat seinen klaren Grund in

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