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Ost und West · 1909-02-01 · Heft 2 (Februar 1909) · p. Seite 81 - 82

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 2 (Februar 1909)
Article
Religiöse Postulate
Date
1909-02-01
Page
Seite 81 - 82 (sequence 7)
Language
German
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81 Prof. Dr. Hermann Cohen: Religiöse Postulate. 82 nur zu einem wahrhaften Leben, zu einer inneren, auf die gesamte Kultur sich erstreckenden Fruchtbarkeit gelangen, wenn die Masse der Gebildeten innerhalb der religiösen Gemeinschaft einen bis zur Bildung abgestuften Anteil an ihr nimmt. Das Gemeindeleben bietet. im Kultus und im Unterricht die zwingende Gelegenheit zu dieser religiösen Bildung. Kultus und Unterricht werden dabei zu einem einheitlichen Mittel. Als solches wirkt in unserer Geschichte das Gebet in der hebräischen Ursprache unseres Glaubens. In seinem Grundstock ist es das klassische Werk der „Männer der grossen Synagoge", aus Kernsätzen der Propheten und aus Perlen der Psalmen zusammengedichtet, ein nicht genug zu bewunderndes Zeugnis von der fortwirkenden Urkraft unserer grossen talmudischen Religionsschöpfer, die sich in unseren Hauptgebeten als die Miturheber unserer lebendigen Religion bewährt haben. Es ist ein schlichtes Ergebnis der Psychologie, dass wir uns der Urkraft der Sprache nicht entrücken dürfen, in welcher diese Urgedanken entstanden, in welcher die mit ihnen verknüpften Gefühle gebettet sind, an deren andauernde Wirksamkeit der Fortbestand unserer religiösen Gedanken und Gefühle gebunden ist. Man kann bis zu einem gewissen Grade diese Gefühle auch auf das deutsche Wort überpflanzen; aber wenn die Eigenart urwüchsig fortzeugen soll, so darf die sprachliche Wurzel nicht verdorren. Sonst würde die Uebersetzung zur Urschrift; damit aber unvermeidlich die Eigenkraft des Gedankens gelähmt oder wenigstens geschwächt und zerstreut, so dass die ihm eingeborenen Gefühle nicht mehr eindeutig mitgeweckt würden. Man muss Echad verstehen, in seinem ganzen sprachlichen Klima verstehen, um die Einzigkeit Gottes so zu denken, wie sie gefühlt werden muss. Hier liegen die Quellen des Steinthalschen Geistes, aus denen er das jüdische Denken und Fühlen einheitlich mit der Psychologie der Sprache tief und nachhaltig befruchtet hat. Möchte sein Andenken Schaden abwehren von unserer Pädagogik und von unserm Kultus. Unsere Gebete bilden einen wichtigen Teil unserer religiösen Quellen. Daher gehören sie in den Grundstock unseres Religionsunterrichts. Und so vereinigt das Gebet den Knltus mit dem Unterricht, um das innerlichste Mittel der religiösen Bildung zu wecken, zu erhalten, und für das religiöse Gefühl fruchtbar zu machen. Man darf die Gebete kürzen, soviel eine jede Gemeinde es vor ihrer jeweiligen Majorität und hoffentlich auch vor ihrer historischen Pietät verantworten kann; aber man erhalte sorgsam, einsichtig, mit psychologischem Verständnis der sprachlichen Literaturkräfte den Stamm unserer hebräischen Gebete. Man entwurzele ihn nicht durch das Ueberwuchern der deutschen Uebersetzungen, noch auch deutscher Urgebete. Man missverstehe mich nicht. Ich sage nicht, dass man den deutschen Uebersetzungen, oder auch den deutschen Urgebeten entsagen sollte. Dies widerspräche ebenso dem Geiste der Zeit und der Zeiten, denen wir entgegengehen, wie der Macht des Gebetes, die sich unaufhaltsam Bahn bricht. Wir dürfen das Gemüt des Betenden nicht einschnüren. Und wir dürfen auch den Geist der Muttersprache für unser religiöses Gefühl nicht verketzern. Hat doch unsere Muttersprache insbesondere aus den Psalmen sich für die ganze Weite des Gefühlslebens durch die Sprachkraft Luthers nähren dürfen. Wie sehr man für uns deutsche Juden hieraus schon auf eine Gleichartigkeit und Gleichmütigkeit des religiösen Sprachgeistes schliessen mag, so beweist dies gerade umsomehr die Bichtigkeit unserer Forderung. Die Religion beruht doch nicht lediglich auf dem Gebet; sondern auf den sittlichen Gedanken, die selber auch die Grundlage des Gebetes bilden müssen. Nun möchte ich meine Forderang einmal paradox ausdrücken, um ihren genauen Sinn klarzasteilen. Würde man selbst aufhören können, zu beten, nämlich im Herzensbedürfnis des Gebetes, so müsste dennoch unser hebräisches Gebet erhalten bleiben, als die Fundgrube religiöser Grundgedanken und mit ihnen verwachsener Grundgefühle. Diesen Grundstoff unseres religiösen Wesens zu schützen, sein Verständnis zu pflegen, und für das ganze religiöse Gefühlsleben auszubilden und auszuwerten, das ist die einheitliche Aufgabe des Kultus und des Unterrichts in und an unserem hebräischen Gebetstoff. Er ist das Bildungsmittel unserer Jugend und ebenso für das ganze Leben das Bildungsmittel unserer Gebildeten. In diesem literarischen Sprachstoff nehmen unsere Gebildeten innern persönlichen Anteil an unserer Wissenschaft; und so wird es durch den hebräischen Gebetstoff möglich, dass aus der gebildeten Jugend heraus das Verlangen erwacht nach der jüdischen Wissensehaft, nach ihrer Aufnahme und nach ihrer tätigen und schöpferischen Fortführung. Und ohne einen solchen sozialen Zusammenhang unserer Gemeinschaft mit unserer Wissenschaft gäbe es keine Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit in der Forderung und in dem Verlangen nach einer Wissenschaft des Judentums.

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