Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Religiöse Postulate
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 75 - 76 (sequence 4)
- Language
- German
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75 Prof. Dr. Hermann Cohen: Religiöse Postulate. 76 Staatslehre nur das Mittel zum Staate. Man unterscheidet daher auch Nation und Nationalität. Der moderne Staat fordert eine einheitliche Nation, aber keineswegs eine einheitliche Nationalität. Es ist ebenso sehr theoretisch, wie moralisch, falsch, wenn nationalistische Eichtungen diesen Unterschied nicht beherzigen. Kommen wir endlich zur Folgerung für unser Verhältnis zum deutschen Staate. Wir wissen alle und sind tief durchdrungen von diesem Bewusstsein, dass wir unsern Staat lieben; dass wir uns im Innersten unseres Wesens ihm angehörig fühlen; dass wir in ihm nicht nur überhaupt die Rechtsordnung ehren, sondern die unserer Heimat, die uns ins Herz gewachsen ist. Dafür brauchen wir uns nicht erst auf Jeremia zu berufen, der das Wohlergehen der Stadt unserer Verbannung zu fördern uns geboten hat. Nur die Barbarei, die noch in der Welt das Szepter führt, macht es begreiflich, dass Ablenkungen und Abirrungen von unserer klaren Eichtlinie gerade in der heutigen Zeit wieder eintreten konnten. Es ist jedoch nichts gefährlicher, als von Fehlern., die Andere machen, sich selbst den Weg zeigen zu lassen. Unser Weg ist uns klar durch unsere Geschichte vorgezeichnet. Und unsere Geschichte ist nur die Darstellung des Grundwesens unserer Religion. Wie die Verbannung aus dem Paradiese den Eingang in die Kultur bildet, so eröffnet unsere Verbannung unsern Weltlauf für die Idee des Einzigen Gottes. Darum muss der „Rest Israels wie der Tau sein inmitten der vielen Völker". Es ist ein Widerspruch gegen den messianischen Gedanken, gegen die Mission Israels, dass wir einen eigenen Staat uns machen dürften. Unsere Verbannung hat übrigens trotz der Leiden und aller der Kränkungen, die wir als das Schicksal unseres Glaubens, als das Joch des Gottesreiches auf uns zu nehmen haben, läogst aufgehört, Verbannung für uns zu sein. Wir leben in unserem Staate und für unsern Staat. Unser Staat ist es, der uns die Segnungen der allgemeinen Kultur erschliesst. Es ist unwahr, dass wir eine jüdische Kultur hätten oder haben wollten. Die jüdische Kultur erschöpft sich in dem Anteil, den sie in dem Gotte der Sittlichkeit der allgemeinen Kultur übermittelt. Aber wie unsere Grossen allezeit Mathematik, Philosophie, Medizin und Poesie aus der allgemeinen Kultur entlehnt haben, so atmen auch wir in Kunst und Wissenschaft in der allgemeinen Kultur, und nur in der Gotteslehre sind wir Juden und wollen wir Juden bleiben. Ich will nicht versäumen, einer Verdächtigung ausdrücklich entgegenzutreten, die man bei Mangel an Einsicht und Wohlwollen aus dieser Bestimmuag unserer Aufgabe herleiten könnte. Wir unterschätzen den Kulturwert anderer Religionen nicht; und wir lassen uns auch das Recht nicht bestreiten, diesem abschätzenden Urteil gemäss unser politisches Verhalten einzurichten. Wir würden ja ohne Sinn und Verständnis der Weltgeschichte gegenüber sein, wenn wir die Bedeutung der anderen Religionen für den Begriff der Religion schlechterdings bestreiten würden. Maimouides schon und Saadja haben uns einen andern Weg gewiesen. Aber diese geschichtliche Unbefangenheit darf uns nicht irre machen an unserer eigenen Aufgabe in der Geschichte; sie darf uns kein Haar breit abweichen lassen von unserm alten Wege; von unserer Verstocktheit, wie man in andern Lagern mit der uns gegenüber unbezweifelten Objektivität zu sagen pflegt. Andere Auffassungen in Ehren, wir aber bleiben im Gedenken an den Namen unseres Gottes* Uns darf das Hochgefühl nicht verlassen und nicht abgeschwächt werden, dass wir die Idee des wahren, wahrhaft Einzigen Gottes unter den Völkern der Erde zu lehren und zu leben haben. Zu dieser Aufgabe gehört es, dass wir diesen Völkern der Erde in allen Fragen der Kultur, ausser der einen vom Einzigen Gotte, uns innerlich anschliessen und angliedern. Ihr Volk sei unser Volk; denn ihr Staat ist unser Staat. Wir haben nichts anderes, was uns eigentümlich bleibt als unsern Einzigen Gott. Wissenschaft und Kunst aber, Wirtschaft und Staat pflegen wir nicht als ein Sondergut, sondern darin arbeiten wir unter den Zielen und nach den Methoden der allgemeinen Kultur. Und da wir, sofern wir dieser Arbeit obliegen, diese Ziele hochhalten müssen, so erstreckt sich die Liebe, welche die Heimat uns erweckt hat, ebenso auch auf alle geistigen und sittlichen Gebiete des Vaterlandes und seiner Kultur. Es ist die notwendige Folge von der Idee des messianischen Gottes, dass wir unser Vaterland lieben; dass wir ein Vaterland der Heimat und der allgemeinen geistigen Kultur erstreben und gewinnen müssen. Denn die messianische Menschheit bedeutet keineswegs den Untergang der Völker, sondern vielmehr nur ihre Vereinigung in der Sittlichkeit. Auch der Völkerbund bedeutet nicht das Verschwinden der einzelnen Staaten, sondern nur ihre Vereinigung zu einem wahrhaften Völkerrecht. Aber der messianische Gott stellt nicht nur das Zukunftsbild der Weltgeschichte dar, sondern er fordert kraft der sittlichen Ideen, die sich in ihm zusammenschliessen, die politische Arbeit, die unentwegte, unverdrossene Anteilannahme an den einzelnen konkreten Aufgaben des Staates. Es ist die Aufgabe des Juden, an der Herbeiführung des messainischen Zeitalters im Staate seiner Heimat mitzuwirken. Jedes Volk und jeder Staat hat für das messianische Ideal seine besondere weltgeschichtliche Aufgabe. Und in jedem Staate hat daher auch der Jude mit ungebrochener Kraft, mit der ganzen Kraft einer freien und reinen Liebe selbstlos und uaberechnet diesen nationalen Aufgaben sich hinzugeben. Unser Staat ist unser Vaterland. Und unsere messianische Religion selbst ist es, welche uns nicht nur gebietet,