Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1909)
- Article
- Religiöse Postulate
- Date
- 1909-02-01
- Page
- Seite 73 - 74 (sequence 3)
- Language
- German
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73 Prof. Dr. Hermann Cohen: Religiöse Postulate. 74 Kraft ihres Geistes sich zu uns halten, um die Welt für die Idee des Einzigen Gottes zu bezwingen. Da lassen sie sich von dem Modewert des Monismus verblenden, oder sie berauschen sich an der angeblich einzigen Wahrheit des Pantheismus. Ich habe hier nicht in ausfuhrlicher Darlegung den Beweis zu versuchen, dass diese philosophischen Standpunkte falsch sind; aber ich darf jene Kreise der Bildung an die grosse Schwierigkeit dieser zentralen Probleme gemahnen. Es handelt sich in diesen Fragen um die Grundlagen der Philosophie und der Wissenschaften, und es ist sehr traurig, wenn gerade wir in breiten Scharen dieses tiefste Problem für erledigt erklären, und unseren alten Gott für abgetan halten. Es ist dies die schwerste Entartung, die unserem Stamme jemals widerfahren ist. Uebrigens ziemt es uns besonders auch als Deutschen nicht. Denn wir sollten wissen, dass Kant diesen Monismus und Pantheismus widerlegt bat. Natur und Sittlichkeit sind nicht ein und dasselbe; aber sie erfordern einen gemeinsamen Ursprung. Und die Einheit Gottes bewährt sich wissenschaftlich darin, dass sie die Einheitlichkeit dieses Urgrundes von Natur und Sittlichkeit zu bedeuten vermag; also auch die Einheitlichkeit unserer Weltanschauung. Natur und Sittlicbkeit sind verschieden, und bleiben verschieden; aber der Urgrund ihres Zusammenhangs ist einheitlich; ist in der Einheit Gottes gewährleistet. Sofern ich dem Gedanken der Sittlichkeit lebe, bin ich kein Tier, kein Naturwesen, sondern ich gliedere mich einer sittlichen Welt ein. Aber dass die Sittlichkeit Wirklichkeit auf Erden werde, diese Zuversicht gibt mir die Idee Gottes. Und weil ich ohne diese Zuversicht nicht leben kann, darum kann ich nicht ohne Gott leben. Erfüll' davon dein Herz, so gross es ist; aber wir billigen keinen andern Namen dafür als den des Einzigen Gottes. Ais zweites Postulat möchte ich unser Verhältnis zum Staate erörtern. Wie alle Fragen im Judentum, so muss auch diese aus dem Begriffe des Einzigen Gottes bestimmt werden. Da der Einzige Gott den Gott der Sittlichkeit bedeutet, so ist er nicht in erster Linie für das Individuum da, noch auch nur für die Familie, den Stamm und das Volk, sondern für die gesamte Menschheit. An der Sorge für das Individuum und für den Stamm fehlt es auch im Polytheismus nicht. Der Glaube des Mythos pflegt im Ahnenkultus und in der Gräberaymbolik das Fortleben des Individuums und des Stammes im Jenseits. Und auch für Sühnung und Entsündigung wird vielfach Vorsorge getroffen. Das Neue und das Eigentümliche des Einzigen Gottes, als des Gottes der Sittlichkeit, besteht darin, dass er ni^ht nur für den Einzelmenschen und das einzelne Volk sorgt, noch auch nur für das Volk, unter dem er zuerst sich offenbart hat; sondern dass er alle Völker zu sich heranruft; dass er sie alle unter dem Namen des Einzigen Gottes, als des Vaters aller Menschen, zu dem einen Bunde der Einen Menschheit vereinigt; und dass er als das untrügliche, allein zuverlässige Wahrzeichen dieser Vereinigung eine hohe Stufe der Sittlichkeit auf Erden verheisst. Der Einzige Gott bedeutet von vornherein daher die im Ideal der Sittlichkeit vereinigte Menschheit. Man hat nun allmählich wohl aufgehört, oder man tut es nur schüchtern noch, von dem Nationalgott der Juden zu reden. Aber die Konsequenzen aus dieser endlich gewonnenen Einsicht sind noch bei weitem nicht gezogen. Ich beschränke mich hier darauf, für unser Verhältnis zum Staate die Konsequenz abzuleiten. Da der Einzige Gott der Gott der gesamten Menschheit ist, so kann er nicht der Gott eines Staates sein. Man mag sich über die Idee des Messias, welche die Idee eines Zeitalters, der „Tage des Messias" ist, noch so sehr in buchstäblichen Vorstellungen befangen halten, nimmermehr kann man doch bestreiten, dass der Messias für Israel zugleich der Messias für alle Völker ist. Mit den Juden müssen also alle Völker ohne jede Ausnahme von den entferntesten Inseln her gen Jerusalem ziehen. Und es darf kein Unterschied bleiben zwischen den Kindern Israel und den Söhnen der Fremde. Denn auch sie werden Priester und Leviten werden. Wir stehen vor der Zeit, da der „neue Bund" geschlossen wird; denn „die Thora wird ins Herz geschrieben" sein. Wir stehen vor der Zeit, da man sprechen wird: „Du bist unser Vater; Abraham hat uns nicht gekannt". So haben Jesaja und Jeremia ihren Patriotismus gezeichnet. Darum sollten wir uns nicht irre machen lassen, die tiefste politische Weisheit des Dichters der Klagelieder uns zum Leitstern zu nehmen. „Weinet nicht um den Toten; weinet um den, der geht, und nicht zurückkehrt und wiedersieht das Land seiner Heimat". Das ist die Tragik unserer Wanderschaft unter den Völkern der Erde. Der Einzige Gott hat uns unser Vaterland entrissen, um es in der Menschheit uns wiederzugeben. Der Einzige Gott kann nicht der Gott eines Staates, er kann nur der Gott der in Sittlichkeit vereinigten Menschheit sein. Diesen Einzigen Gott haben wir in der Welt zur wahrhaften Anerkennung zu bringen. Das ist unsere Aufgabe in der Weltgeschichte. Hätten wir diejse Mission nicht, oder nicht mehr, so hätte es keinen jüdischen Sinn, unsern Stamm zu erhalten. Nur diese unsere Aufgabe, die Idee des Einzigen Gottes zu verbreiten, zu vertiefen, von Jahrtausend zu Jahrtausend fortzubilden; nur diese unsere Mission auf Erden begründet und erklärt unsere Fortexistenz als Glaubensstamm des Einzigen Gottes. Im modernen Sinne sollte man daher auch nicht mehr von einem jüdischen Volke sprechen, denn Volk ist in der modernen Geschichte und