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Ost und West · 1909-02-01 · Heft 2 (Februar 1909) · p. Seite 71 - 72

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 2 (Februar 1909)
Article
Religiöse Postulate
Date
1909-02-01
Page
Seite 71 - 72 (sequence 2)
Language
German
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71 Prof. Dr. Hermann Cohen: Religiöse Postulate. 72 zwischen Religion und Sittlichkeit. Denn der Gott des Judentums ist der Gott der Sittlichkeit. Das will sagen: seine ganze Bedeutung liegt in der Offenbarung und Sicherung der Sittlichkeit. Er ist der Urheber und der Bürge der sittlichen Welt. Diese Bedeutung Gottes, als des Grundes der sittlichen Weit, ist der Sinn des Grundbegriffs von der Einheit Gottes. Was ist denn der eigentliche Vorzug dieser göttlichen Einheit? Die Aufgaben der sittlichen Welt sind ja so mannigfaltig, dass man den Geist des Polytheismus verstehen kann, sie unter verschiedene Götter zu verteilen. Und wie konnte man innerhalb des Christentums den Gedanken des Einen Gottes festhalten, ob zwar in der Form der Dreieinigkeit? Der Vorzug der Einzigkeit Gottes besteht nicht in dem Untei schiede der Einheit von der Mehrheit; sondern er bedeutet einen Unterschied des Seins für Gott von allem zählbaren Sein. Darauf beruht die wahrhaftige Geistigkeit unseres einzigen Gottes. Alles Sinnliche, daher auch alles Menschliche liegt weit ab von seinem Begriffe. Er bedeutet uns den ewigen, unerschütterlichen, unersetzlichen Urgrund der sittlichen Welt. Ohne ihn erschiene uns die Sittlichkeit als ein Naturgefuhl, das ebenso ein holder Wahn sein könnte. Ich kann nicht weiter hier auf diese tiete Frage eingehen. Es bedarf dessen nicht. Wir hätten uns nicht zum Verband der deutschen Juden zusammengeschlossen, wenn uns diese Ueberzeugung nicht als ein heiliger Glaube gemeinsam wäre. Die gedanklichen Formen, die dieser Glaube annimmt, sind unter den Menschen, und so auch uuter uns verschieden. Es sagen es alle Herzen unter dem himmlischen Taere, jedes in seiner Sprache. Aber in diesem Grundgedanken sind wir allesamt miteinander verbunden, daher als Juden verbunden, wie es seit Jahrtausenden unsere Väter waren. Wenn ich daher als religiöses Postulat in erster Linie hervorhebe, dass wir in der wissenschaftlichen, wie in der populären Behandlung unserer religösen Fragen es uns mehr als bisher zur Aufgabe machen sollten, unsere Gottesidee zum Leitbegrife für alle Probleme festzuhalten; ihre unerschöpfliche Bedeutung immer tiefer zu durchdringen, und immer klarer fortzubilden, so bin ich gewiss, dabei in unserem Verbände nur Zustimmung und Unterstützung zu finden. Aber unser Verband steht in einem lebendigen Zusammenhange mit allen Schichten unserer Glaubensgemeinde, also auch mit denen, die noch nicht mit Herz und Hand persönlich ihm sich angeschlossen haben. An diese weiten Kreise dürfen wir heute hier uns wenden, indem wir Verständigung mit ihnen suchen. Wie wäre es zu verstehen, dass in einer Zeit, in der wir an Leib und Seele, durch Mord und Verleumdung, durch Rechtskränkung und Verfolgung so n.ittelalterlich behandelt werden, wie es heute fast überall, wenngleich in verschiedenem Grade, an uns verübt wird, dennoch Kinder unseres Glaubens sich alldem gegenüber fremd und unbeteiligt dünken können. Nicht vom Abfall rede ich; ich habe hier nicht von der Politik zu sprechen; sondern von dem Teile unter uns, der sich wie unbeteiligt an alldem verhält. Es genügt nicht, solche Juden des Mangels an Getühl zu beschuldigen. Das Gefühl schlägt verschiedene Sichtungen im menschlichen Herzen ein. Es ist die Philosophie dieses Zeitalters, welche diese Verwirrung in so vielen unter uns angerichtet hat. Wie jede Religion, so sagen jene Juden, ist auch das Judentum Lehre von Gott: wir aber haben kein Verhältnis zu Gott. Und wie David Friedrich Strauss sagte: wir sind nicht mehr Christen, so sagen sie: wir sind nicht mehr Juden Es ist also eine Differenz in der Philosophie, in der allgemeinen philosophischen Bildung, welche diese himmelschreiende Differenz im religiösen Verhalten herbeigeführt hat. Auch unsere Frauen hat sie schon ergriffen: die bisher nur in ästhetischer Schwelgerei gelebt hatten, sind jetzt in eine politische Bewegung gekommen, die auch sie als Weltanschauung verkündigen. Da ihnen jedoch natürlicherweise die philosophische Bildung fehlt, unnatürlicherweise aber leider auch die jüdische, so ist sogar auch hier das traurige Wort von einer neuen Ethik gefallen. Alle philosophische Differenzen sind jedoch streng wissenschaftliche. Jene Juden hängen sich an die herrschende Vorstellung von allgemeiner Bildung und von europäischer Kultur, die es ihnen verbiete, sich positiv mit dem Judentum in Einvernehmen zu setzen. Das Recht dieses Begriffs der allgemeinen Kulturbildung scheint ihnen klar und unzweifelhaft; dieser Begriff scheint ihnen gut und sicher definiert; es fehlt ihnen daran kein Merkmal. Diesem Götzen der Bildung, leider auch der spezialistischen wissenschaftlichen Bildung gegenüber behaupten wir: es gibt keine allgemeine Bildung und keine europäische Kultur und keine Ethik, welche der Idee des Einzigen Gottes, als des Gottes der Sittlichkeit, ermangelten. Denn es gibt keinen Grund und Halt der Kultur ohne wissenschaftlich begründete Sittlichkeit. Diese aber bedarf der Idee des Einzigen Gottes. Andere Götter kann die Sittlichkeit entbehren: des Einzigen Gottes nicht. Also gibt es keine europäische Kultur und Ethik ohne den grundlegenden Anteil des Judentums. Und nun bedenke man die Verworrenheit unserer Gebildeten bis in die Kreise unserer Gelehrsamkeit hinein, welche unserem Gotte gegenüber als Philosophen sich aufspielen. Lebten sie noch einsam als Robinson-Utopisten; aber in einer Welt, in welcher der Eest Israels so unverkennbar die reine Idee des Einzigen Gottes in Strenge und Klarheit zu vertreten, und in schweren Leiden zu verfechten hat, in einer solchen Zeit gibt es Glieder unseres Stammes, welche stumm bei uns verbleiben, aber nicht mit ihrem Herzblut, nicht mit der vollen

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