Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 37 - 38

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Bonze hat geschwiegen
Date
1909-01-01
Page
Seite 37 - 38 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583980-2583982-2599046--08973-2599118
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

37 J. L. Perez: Bonze hat geschwiegen. 38 Wer weiss, so dachte er sich, wer weiss, welchen Edelmann oder Millionär, welchen Gelehrten oder Frommen man hier erwartet. Ja, der wird schon kommen, und dann wird der Irrtum offenbar werden; und mich wird man in die Hölle jagen. Vor lauter Angst hörte er überhaupt nicht, wie der Vorsitzende des himmlischen Gerichts seinen Namen aufrief und dem Verteidiger die Akten über Bonze reichte und ihn bat, die Sache recht schnell zu Ende zu führen. Dem armen Bonze war, als ob der Saal mit den prunkvollen Säulen um ihn tanzte. Es brauste und sauste ihm durch den Schädel . . . und doch — leise schlug mitten durch das wirre Gesumme eine milde Stimme an sein Ohr — die Stimme des Verteidigers» der immer und immer wieder seinen Namen nannte: Bonze. . . Bonze .. . Was redet der Mensch? fragte er sich, und da ei scholl die harte, ungeduldige Stimme des Vorsitzenden: Bitte, weiter, keine Umschweife. Niemals, so fuhr der Verteiger fort, hat er geklagt, nicht gegen Gott, nicht gegen die Menschen; und niemals hat er mitNeid oder Hass auf die anderen gesehen. Bonze verstand von alledem kein Wort. Der Vorsitzende rief wieder dazwischen: Bitte weiter! Lassen Sie doch alle rhetorischen Kunstleistungen. Hiob, begann der Verteidiger, Hiob hat das Leiden nicht ertragen; auch er hat das Unglück gefühlt, aber .... Ich muss um Tatsachen bitten, Tatsachen, Tatsachen. — Als Bonze acht Tage alt war, wurde er in den Bund der Väter aufgenommen. Bei all den Schmerzen hat er geschwiegen. Als seine liebe Mutter starb — er hat geschwiegen. Als er mit dreizehn Jahren eine Stiefmutter bekam, die eine Schlange, eine Bestie war, hat er geschwiegen. Meint man mich wirklich? fragte sich Bonze, schon schwankend. Seine Stiefmutter gönnte ihm keinen Bissen. Hartes, altes, verschimmeltes Brot gab sie ihm — aber sie hat an leckerem Mahle sich gütlich getan. Ja, mit den Speisen geizte sie — mit ihren Nägeln nicht. Keinen Fleck hat Bonze am Leibe gehabt, wo er nicht blau und grün geschunden war. Durch die zerrissenen Kleider guckten ihm Schrammen und Narben. Und im Winter, im grössten Frost, hat sie ihn barfüssig auf den Hof gejagt, wo er Holz hacken musste — er hat geschwiegen. Seine Hände waren jung und schwach . .. und die Kloben waren hart und ästig . . . und das Hackbeil war stumpf — er aber hat geschwiegen. Wie oft hat er sich seine Arme ausgerenkt, wie oft sind ihm die Füsse erfroren — er hat geschwiegen — sogar vor seinem Vater. Vor seinem Vater, der ein Säufer war, rief der Ankläger laut dazwischen. Ja, er hat niemals vor seinem Vater geklagt — er hat geschwiegen. Vom Glücke wusste er nichts; er hat keinen Freund besessen, keinen Lehrer, keinen ganzen Rock und keine arbeitsfreie Minute — aber er hat geschwiegen. Er hat sogar geschwiegen, als sein Vater im Rausche heimkehrte, ihn an den Haaren packte und aus der Wohnung in den eisigen Winter warf. Er hat sich aus dem Schnee erhoben und ist fortgelaufen, wohin ihn seine Füsse tragen mochten. Auf dem ganzen Wege hat er geschwiegen. Er hat gehungert — aber gebettelt um ein Stück Brot hat er nur mit den Augen. In schauriger Winternacht war er in eine grosse Stadt gekommen. Zwar war er hier nur wie ein Tropfen im Meere — aber ihn hat man gleich gepackt und auf die Wache geschleppt. Warum, wofür? — Er hat gesehwiegen, er hat nicht gefragt. Und als man ihn aus der Wache entliess, da begann er Arbeit zu suchen. Noch schwerer als die Arbeit selbst war das Suchen, das Finden — er hat geschwiegen. Von morgens bis abends lief er durch die Strassen, dass ihm der Schweiss in Tropfen über die Nase rann, die schwersten Lasten auf dem Rücken, bespritzt von den hinrasenden Rädern. Der Magen hat ihm geknurrt vor Hunger — aber Bonze hat geschwiegen. Und wenn er sich mit seinem Packen einmal aufs Trottoir wagte, stiess man ihn mit fluchenden Worten hinunter auf den Damm, zwischen die Droschken und Equipagen und Pferdebahnen. Er hat nie geklagt — er hat geschwiegen. Niemals hat er ausgerechnet, wie viel Groschen er für das Tragen der Zentnerlasten fordern solle. Und wenn man ihm noch einen Zentner auflud, so wagte er nicht mehr zu verlangen. Wie oft ist er auf dem Wege zusammengebrochen vor Hunger und Überarbeit — er hat geschwiegen. Und wenn er seinen Lohn verlangte, die Gesichter! . . . Das Herz ging ihm schier über — aber er hat geschwiegen. Nie hat er laut oder gar frech um seinen Lohn gedrängt. Wie ein Bettler stand er an der Türe und bat nur mit den Augen. Kommt später! haben ihm die Arbeitgeber oft zugerufen; dann schlich er lautlos von dannen wie ein Schatten — und noch stiller kam er dann wieder wegen des Lohnes. Selbst wenn man ihm in böser Art von seinem Verdienste einen Teil abzog — er hat geschwiegen. Auch wenn man ihm falsche Münze gab — er hat geschwiegen. Man scheint mich doch zu meinen, sagte sich Bonze, schon mutiger werdend. Einmal, so fuhr der Verteidiger nach kurzer Unterbrechung fort, einmal trat in seinem Leben eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.