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Ost und West · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 39 - 40

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Bonze hat geschwiegen
Date
1909-01-01
Page
Seite 39 - 40 (sequence 3)
Language
German
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39 J. L. Perez: Bonze hat geschwiegen. 40 Wendung ein. Er war gerade über den Damm gegangen, als eine Karosse heranraste — die Pferde waren scheu geworden. In hohem Bogen flog der Kutscher vom Bocke und zerschlug sich den Schädel. Da war Bonze den Pferden in die Zügel gefallen — sie schäumten und aus ihren Hufen sprangen die Funken, ihre Augen leuchteten wie Flammen in dunkler Nacht. Der Mann im Wagen hatte sich endlich von seinem Schrecken erholt, und aus Dankbarkeit nahm er Bonze als Kutscher in seinen Dienst. Er ist sein Wohltäter geworden. Er hat ihn nicht nur zum Kutscher gemacht. Er hat ihm auch ein Weib gegeben, und ein Kind hat er ihm auch dazu gegeben. Aber Bonze hat geschwiegen. -- Man meint mich, man meint mich, so dachte er nun schon hocherfreut; aber den Gerichtsvorsitzenden wagte er doch nicht anzuschauen. Er hörte weiter zu, was der Verteidiger ihm da alles sagte.-- Er hat geschwiegen, als sein Wohltäter bankerottierte und ihm seinen schäbigen Lohn nicht bezahlte. Er hat geschwiegen, als sein Weib ihm davonlief und ihm noch ein Kind von drei Monaten zurückliess. Er hat geschwiegen, als nach fünfzehn Jahren das Kind ihn zur Türe hinauswarf. — Er hat sogar geschwiegen — spricht mit fast bebender Stimme der Verteidiger — als der Wohltäter sich mit allen Gläubigern ausglich und ihm doch nichts gab. Und als der Bankier später wieder auf Gummirädern fuhr und als er den Bonze überfuhr, da hat er der Polizei nichts gesagt — er hat geschwiegen. Er hat geschwiegen, sogar im Spitale, wo man doch schreien darf. Er hat geschwiegen, ob auch der Doktor sich gar nicht um ihn kümmerte und nie an sein Bett trat. Er hat geschwiegen, als der Krankenwärter ihm nie reine Wäsche brachte, denn auf gutes Trinkgeld konnte er doch nicht hoffen. Er hat geschwiegen, als er den Tod nahen fühlte; und er hat geschwiegen, als er in den letzten Zügen lag. Kein Wort, so schloss der Verteidiger seine Rede, hat er gegen Gott, kein Wort gegen die Menschen gesprochen. Nun ward dem armen Bonze, der sich kaum erholt hatte, angst und bange: Jetzt kommt ja der Ankläger an die Reihe. Er selbst hat sich ja niemals seines vergangenen Lebens erinnert. Noch auf Erden, wusste er schon im nächsten Augenblicke nicht, was ihm der vorige gebracht. Jetzt erinnerte er sich ja an alles, worauf der Verteidiger hingewiesen. Aber was wird wohl der Staatsanwalt vorbringen? Meine Herren, begann der Staatsanwalt mit harten, schneidigen Worten. Meine Herren, wiederholte er nochmala — aber schon etwas milder. Plötzlich bricht er ab, räuspert sich und sagt mit immer weicherer und weicherer Stimme: Bonze hat geschwiegen — nun, ich will es auch tun. Da ward alles still umher, und aus der Ferne tönte eine leisbebende, zarte Stimme: Bonze, mein Kind — mein liebes Kind. Und Bonze wirds ganz weich ums Herz — er hätte ja so gern die Augen aufgeschlagen — aber er konnte es nicht, denn die dicken Tränen quollen ihm hervor — es war ihm so wehmütig, tränenselig zumute. Und wieder klang es: „Mein liebes Kind, mein Bonze ..." Seit die Mutter gestorben, hatte er solche Töne nie gehört. Mein Kind, sagte die Stimme weiter, wie hast du gelitten, was hast du alles ertragen müssen — und du hast geschwiegen. Kein Glied haben sie dir ganz gelassen, deine Knochen haben sie dir zerschunden. Dein ganzer Körper ist blutunterlaufen. Auch deine Seele haben sie dir zerfetzt — aber du hast geschwiegen. Deinen Wert verstand man drunten auf der Erde nicht. Du hast wohl selbst gar nicht gewusst, dass man aufschreien kann, wild aufschreien, wie ein gepeinigtes Tier. Du wusstest nicht, dass solche Kraft in dir schlummert. Auf Erden hat man dein Schweigen nicht gelohnt, aber hier wirst du deinen Lohn empfangen. Du wirst vom himmlischen Gerichte nicht verurteilt werden; nichts wird dir zuleide geschehen. Nicht wie den anderen Frommen, die in den Himmel eingehen, wird man dir die Güter, die Gaben zuweisen. Dir gehört alles. Was du immer nur begehren magst — alles ist dein." Langsam hob Bonze den Kopf hoch und blickte zum ersten Male nun im Saale umher .... All das Licht blendete ihn.... alles blinkte und blitzte und funkelte. Die Säulen leuchteten; aus den Perlen und Diamanten strahlten bunte und lebhafte Farben. Von goldigem Scheine umgössen waren die Richter, die Engel und der Reigen der Frommen. Von aller Pracht geblendet, blickte er nun zur Erde. Alles ist mein — alles — mein! Ja, ja, dein ist alles, was der Himmel birgt an Schmuck und Reichtum. Nimm von den Schätzen, von den Gütern, was du nur willst — alles ist dein. Wirklich — ist alles mein? fragte Bonze schon etwas hoffnungssicherer. Wirklich, wirklich. „Nun, wenn es so ist," sagte Bonze schmunzelnd, „dann bitt' ich, wenn ich sehr bitten darf.... täglich in der Früh — eine warme Semmel und ein bischen frische Butter . . . ."

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