Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Bonze hat geschwiegen
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 35 - 36 (sequence 1)
- Language
- German
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35 36 BONZE HAT GESCHWIEGEN. Von J. L. Perez. (Dem Jüdisch-deutschen nachgebildet von Theodor Zlocisti.) In der grossen Welt hatte sich nichts geändert, nichts geregt, als Bonze starb .. . Kein Mensch wusste, wer er gewesen, wie er gelebt und woran er gestorben. Ob ihm das Herz gebrochen, ob er kraftlos verdorrt, oder was ihm sonst gefehlt. "Wer weiss?! Vielleicht ist er gar verhungert. — Wenn irgendwo ein Droschkengaul fällt, dann schreiben die Zeitungen darüber, und die Leute laufen zusammen. — Aber wenn ein Bonze stirbt... ach, deren gibt's ja so viele! Bonze hat still, welteinsam gelebt; und still, welteinsam ist er gestorben . . . wie ein Schatten. Als er geboren wurde, da tranken seine glücklichen Eltern vor Freude keinen Wein; keine Gläser klangen ihm zu Ehren. Er war so wie ein Sandkörnchen am Meeresstrande, das der Wind fortbläst, ohne dass sich jemand darum kümmert. Und als er starb, da brauste der Sturm das Grabtäfelchen von der frischen Gruft und die Totengräberfrau fand es weit ab vom Grabe, zerhackte es und legte es ins Feuer, um ihre Kartoffeln damit zu kochen. Und so wusste man schon nach wenigen Tagen nicht mehr, welches sein Grab war. Hätte er wenigstens einen Grabstein gehabt, so hätte ihn doch nach ein paar hundert Jahren ein Altertumsforscher der Vergessenheit entrissen. Keinem Meo sehen blieb eine Erinnerung an ihn, keinem. Elend hat er gelebt; und elend ist er gestorben. Und wenn auf Erden nicht so ein brausender Trubel gewesen wäre, man hätte seine Knochen knacken hören. So hat er gearbeitet. Man hätte vielleicht gemerkt, dass auch er ein Mensch ist, wenn auch das Auge nur matt leuchtete und ihm die Backen eingefallen waren, ein Mensch, der, selbst wenn er keinen Packen auf dem Rücken schleppte, gebeugt ging — als suche er sein Grab. — Als man ihn ins Spital brachte, da blieb sein Schlaf winkel im Armenhause nicht leer — da warteten schon zehn Renschen. . . Als man ihn aus dem Spital ins Totenhaus brachte, da haben schon zwanzig Kranke auf sein Bett gewartet. Und als er aus dem Totenhause in die kühle Gruft gesenkt wurde, da wartete man schon mit zwanzig Toten, die ein einstürzendes Haus zerschmettert hatte. Wer weiss, wie viele schon auf das kleine Stückchen kühler Erde warten, worin er nun ruht. Nachdruck verboten. Er ward still geboren ... er hat still gelebt. . . ist still gestorben .. . und still begraben worden-- . . . Aber droben im Himmel! Als man dort erfuhr, dass Bonze gestorben, da lief alles in wilder Aufregung umher. Der gewaltige Messias-Schaufor erklang, dass es durch alle sieben Himmel brauste. Alles tuschelte einander in die Ohren: Bonze ist gestorben — Bonze kommt. Und die Engel raunten einander zu: Bonze kommt. Schon eilten zwei wundermilde Engel herbei. Sie schoben einen güldenen Rollstuhl vor sich her — für Bonze, und einer trug eine goldene Krone mit leuchtenden Brillanten. Die Frommen, die droben im Himmel leben, fragten, ob des Aufruhrs verwundert, vielleicht auch neidisch, was all das solle. Und die Englein antworteten: Das wird heut1 ein einfaches Gericht werden. Heute kann der Satan keine niederschmetternden Anklagen erheben. Die Englein hatten Bonze gefasst. Der Stammvater Abraham, der an der Himmelsptorte stand, reichte ihm die Hand zum Willkommensgrass und tuschelte ihm zu, dass ein Sessel im Reiche der Himmlischen und eine güldene Krone seiner harre . . . Bonze war ganz starr — er schwieg, so wie er es auf Erden tat. Denn er wusste ja, dass hier ein Irrtum vorläge; er wusste ja ganz genau, dass all das Gute, das ihm je erschienen — nur ein Traumbild oder Irrtum gewesen . . . Einmal hatte er geträumt, dass auf dem Fussboden glitzernde Dukaten lägen und er sie nur aufzuheben brauche. Und als er dann freudig erschreckt erwachte, da war er just noch ärmer als je zuvor. Redete ihn mal jemand freundlich an, dann war es gewiss ein Versehen. Und so, dachte er, ist es auch jetzt, jetzt wo ihm im Himmel Herrlichkeiten winkten. Er wagte es kaum, die Augen zu öffnen und als Bonze erkannt zu werden ... Er wagte es kaum, auch nur ein Glied zu rühren, die Lippen zu öffnen — damit man ihn nicht erkenne und in den jähen Abgrund stürze. Er war so verängstigt, dass er all die Schmeichelworte nicht hörte, die der Engelchor ihm ins Ohr flüsterte, nicht sah, wie die kleinen Engelein lustige Reigen ihm tanzten. Und noch furchtbarer war sein Schreck, als er unwillkürlich die Augen aufschlug und sah, dass er vor dem Himmelsthrone stand in dem weiten, glänzenden Saale mit den mächtigen, aufstrebenden Säulen und dem Alabasterboden, darein schimmernde Brillanten eingefügt waren.