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Ost und West · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 31 - 32

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Soziale und geistige Strömungen in der osteuropäischen Judenheit
Date
1909-01-01
Page
Seite 31 - 32 (sequence 2)
Language
German
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31 Josef Lin: Soziale und geistige Strömungen in der osteuropäischen Judenheit. die Jahrhundertswende in dem politischen Zionismus. Um diese Zeit erhob sich das gesamte ostjüdische Geistesleben zu einem bedeutenden Aufschwung. Die neuhebräische Literatur stand in ihrer vollsten Blüte. Die Jugenderziehung wurde durch die „reformierten Chedarim" und mit Hilfe von modernen Lehrbüchern in neue Bahnen geleitet Die Jargonliteratur wies ebenfalls eine fortschreitende Entwickelung auf. Die Jugend zeigte auch reges Interesse für die neujüdische Kunst. Auf allen Gebieten des ostjüdischen Geisleslebens konnte man eine wirkliche Renaissance, eine produktive Regsamkeit wahrnehmen. Allerdings fehlte es auch nicht an Differenzen und Gegensätzen. So kam es mitunter zu recht scharfen Auseinandersetzungen zwischen den sogenannten Kulturzionisten und den Anhängern des politischen Zionismus. An der Spitze der ersteren stand der bekannte hebräische Publizist Achad-ha'am (U. Ginzberg). Er ging von der Annahme aus, dass Palästina selbst unter den günstigsten Entwickelungsbedingungen die osteuropäische Judenfrage nicht lösen könne. Für eine Masseneinwanderung werde das heilige Land in absehbarer Zukunft keine ökonomischen Möglichkeiten bieten. Die beschränkte Abnahme der ostjüdischen Bevölkerung durch eine Abwanderung nach Palästina werde aber durch Geburten reichlich ergänzt werden. Die jüdische Bevölkerung im europäischen Osten werde demnach nicht verringert werden und ihre sozialökonomische Lage von dieser Seite keine Besserung erfahren. Es sei deshalb die Schaffung eines „Musterjudentums", eines jüdischen „geistigen Zentrums" in Palästina zu erstreben, das kulturell und moralisch auf die Judenheit in der gesamten Diaspora wirken solle. Eine andere kulturelle Richtung vertraten in in Russland die „Autonomistenzu denen der hervorragende jüdische Historiker S. Dubnow gehört. Nach dieser Richtung hätte die Ostjudenheit in ihren jetzigen Wohnländern eine „kulturelle Autonomie", die Anerkennung ihrer eigenen Sprache und Kultur, die freie Entwickelungsmöglichkeit entsprechend ihrer geistigen Individualität, eigene Schulen und Bildungsstätten zu erstreben. Die „kulturelle Autonomie" war auch ein Programmpunkt des „Jüdischen Arbeiterbundes in Russland, Litthauen und Polen", der ersten jüdischen radikalen Partei, die fast gleichzeitig mit dem politischen Zionismus auftrat. Innerhalb des „Bundes" — wie die genannte Partei kurz bezeichnet wird — waren vom Anfang an zwei gegensätzliche, einander zeitweise scharf befehdende Strömungen, eine mehr nationale und eine radikalere, von denen bald diese, bald jene die Oberhand gewann» Im Zusammenhang damit war auch das Verhältnis des „Bundes" zur allgemeinen russischen Arbeiterpartei verschiedenartig, da diese den nationalen Sonderbestrebungen der jüdischen Arbeiter keine sonderlichen Sympathien entgegenbrachte. Die Gegensätze zwischen den nationalen und radikalen Elementen führten dann zur Gründung von fast unzählbaren jüdischen Parteien und Parteichen, die zur Zeit der politischen Bewegung in Russland auftraten. — Hier beginnt ein furchtbares Kapitel, das furchtbarste der neuzeitlichen jüdischen Geschichte, ein Abschnitt voller überwältigender Tragik und unsagbarer Erschütterungen, deren verheerende Wirkungen aus der jüdischen Volksseele sicherlich nicht so bald verschwinden werden. Die Sonne des XX. Jahrhunderts ist für die russische Judenheit blutrot aufgestiegen und beleuchtete mit Feuerstreifen den Horizont dieser ohnehin schon so entsetzlich Gemarterten und Geplagten. Diese elenden russischen Juden! Diese Unglücklichsten der Unglückliehen! Alles, was das Schicksal an Not und Elend, Leiden und Entbehrungen, Kummer und Qualen hervorzubringen vermag, hat es in vollen Massen über diese Kinder des Jammers ausgeschüttet. Nun aber kam ein grauenerregendes Wetterleuchten, wogegen alle früheren Finsternisse verblassten. Russland erhielt ein Freiheits-Manifest — und jüdisches Blut floss in Strömen! Ein neuer Frühling wurde verkündet — und hunderttausende jüdische Existenzen wurden vernichtet! Dem russischen Volke wurde eine Konstitution gewährt — und zu Hunderten wurden jüdische Männer und Frauen, Kinder und Greise abgeschlachtet. Man fasst es kaum. Wie? Ist das wirklich geschehen? War es nicht ein böser, ein furchtbarer Traum? Konnten wir es miterleben und es überleben? Aber, ach, es ist wahr. Man sieht ja die Vernichtungsspuren in der jüdischen Volksseele. Aus den Augen eines jeden russischen Juden spricht ein namenloser Sehmerz, eine finstere Verzweifelung, seelische Gebrochenheit und lähmende Enttäuschung. Grosse, leuchtende Hoffnungen sind zu Grabe getragen. Welche Fülle neuer, ungeahnter Kräfte hatten diese Hoffnungen entfacht! Es war ein förmlicher Schaflfensrausch. Die geistigen und sozialen Aeusserungen waren zwar nicht abgeklärt, hatten keine scharf gezeichneten Konturen. Das lag in der Natur der sich überstürzenden Vorgänge. Ein Gährungszustand bringt immer ein chaotisches Durcheinander von Ideen und Bestrebungen, eine

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