Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Soziale und geistige Strömungen in der osteuropäischen Judenheit
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 33 - 34 (sequence 3)
- Language
- German
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33 Josef Lin: Soziale und geistige Strömungen in der osteuropäischen Judenheit. 34 Uebertreibung in Wünschen und Forderungen. In der jüdischen Jugend hatte das Chaos allerdings zum Teil einen tragikomischen Charakter angenommen. Eine heillose Zersplitterung der Kräfte trat ein. Unzählige Parteien und Parteichen entstanden, die einander mit massloser Schärfe bekämpften. Und dabei handelte es sich mitunter um theoretische Haarspaltereien, um geringfügige Abweichungen der „Programme", um ideologische Differenzen, die für die Gegenwartsarbeit gar keinen Wert hatten. Und all diese „Programme" waren häufig der jüdischen Volkspsyche und den gegebenen Verhältnissen gar nicht angepasst, sondern nach „berühmten Mustern" aus Westeuropa zugeschnitten. Das Hauptmotiv, die Gegensätzlichkeit zwischen der nationalen und radikalen Anschauung, wurde in den zahllosen Schattierungen und Abstufungen so zerfasert, dass man die Grenzlinien kaum erkennen konnte. Trotz alledem zeugte doch dieses ganze Wirrwar von einem Erwachen der Geisteskräfte, von lebendigem Betätigungsdrang in den verschiedensten jüdischen Volksschichten. Und es ist erstaunlich, mit welcher Schnelligkeit weltentrückte Talmudjünger sich zu modernen Anschauungen, teils sogar zu „Führern" und Kämpfern entwickelten. — Der Kampfesrausch währte nicht lange. Die bald eingetretene Enttäuschung brachte einen jähen Stimmungswechsel und führte zeitweilig zu einer Degeneration in einem Teile der russisch-jüdischen Jugend. Die Irrungen und Wirrungen dieser Jugend während der ganzen neuen Epoche zeigen folgende Entwickelungslinie: Zunächst wünschte der Vater, dass sein Sohn dem Talmudstudium obliege und zu einer „Leuchte in Israel" werde. Der Sohn war aber anderen Sinnes und wandte sich der modernen hebräischen Literatur und den nationalen Idealen zu. Der Vater wäre dann schon zufrieden gewesen, wenn sein Sohn bei diesen Idealen bliebe. Dieser schloss sich aber einer „Partei" und dem politischen Kampfe an. Dem Vater wäre es lieber, dass sein Sohn dabei bliebe, als dass sich dieser dann den „Saninisten" (nach einem von Arzibaschew gezeichneten Typus benannt), den Predigern der „freien Liebe", gesellte. In diesem, erfreulicherweise nicht lange währenden Stadium erreichte die wechselvolle Entwickelung der Irrungen ihren tragischen Gipfel. Das war das Hineinstürzen in den Strom des Geniessens aus niederschmetternder Verzweiflung. Die Verirrung war aber glücklicherweise nur vorübergehend. Die jüdische Jagendseele ist in ihrem Grunde zu sehr ideal veranlagt, als dass sie sich auf die Dauer durch blossen Lebensgenuss befriedigt fühlen könnte. In der jüngsten Zeit trat dann auch langsam eine Wendung zum Besseren ein. In ruhiger und vernünftiger Weise wird jetzt in der russisch-jüdischen Jugend ästhetische und literarische Bildung gepflegt. In vielen Orten sind Literatur- und Kunstvereine entstanden, die sich mit Erfolg betätigen und weite Kreise um sich scharen. Auch Musik- und Theaterzirkel sind ins Leben gerufen worden, und es werden ernste Versuche gemacht, an Stelle der bisherigen geschmackverderbenden Aufführungen ein künstlerisches jüdisches Theater zu schaffen. Ein junger jüdischer Dramaturg hat zu diesem Zwecke eine Trappe gebildet, mit der er in den grossen jüdischen Zentren moderne Dramen aufführt. An geeignetem Stoff fehlt es nicht. Sowohl die hebräische wie die Jargonliteratur haben sich in der letzten Zeit mit Vorliebe dem dramatischen Gebiete zugewandt und manches Gute dabei hervorgebracht. Die literarische Pioduktion überhaupt, die einige Zeit ins Stocken geraten und von den „Propaganda-Broschüren" verdrängt war, beginnt sich jetzt wieder zu entfalten. Mehrere Journale und Sammelwerke für schöne Literatur, Dichtung, Kritik und Theaterwesen erscheinen jetzt im Jargon und Hebräischen. Der Kampf zwischen diesen beiden Literaturen, der zeitweise sehr heftig war, hat in der jüngsten Vergangenheit merklich nachgelassen. Nur vorübergehend hat die Czernowitzer Sprachkonferenz mit ihrer lächerlichen „Resolution", die selbst in den ernsten „Jargonisten"-Kreise Kopfschütteln erregte, etwas Schaumschlägerei verursacht. Allgemein wird in Russland und Galizien die Notwendigkeit empfunden, die kulturelle und sittliche Volkserziehung durch ruhige, systematische Arbeit, durch gediegene und geschmackbildende Werke zu heben und zu fördern. An die Stelle politischer Schlagwörter ist die ernste Kulturarbeit getreten; an die Stelle der unzähligen „Programme" mit ihren endlosen Paragraphen — ein grosses, ungeschriebenes, aber um so inniger beherzigtes Programm der Volkserziehung in bewusst jüdischem und allgemeinkulturellem Sinne.