Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Soziale und geistige Strömungen in der osteuropäischen Judenheit
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 29 - 30 (sequence 1)
- Language
- German
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29 30 SOZIALE UND GEISTIGE STROEMUNGEN IN DER OSTEUROPAEISCHEN JUDENHEIT. Von Josef Lin. Nachdruck verboten. Es sei vorausgeschickt: eine auch nur annähernde Erschöpfung des Themas kann hier nicht beabsichtigt sein. Dazu ist es viel zu kompliziert und weitverzweigt. Da sind psychische und soziale Verkettungen, überraschendes Emporschnellen und jähe Niederschläge, Widersprüche in der Kombination der Faktoren und in ihrem inneren Wesen. Und welche Fülle von Möglichkeiten, Intentionen, Eegungen und Aeusserungen in einer so kurzen Zeitspanne! Man begreift es kaum. Aber das ist ja nicht das Einzige, was man an Juden so schwer begreift. Jahrhunderte hindurch können wir in starrer Unbeweglichkeit, unberührt vom Strome der Zeit, dahinleben, — bis wir dann plötzlich von einer unwiderstehlichen Gewalt erfasst werden und uns mit waghalsigem Sprunge in den wogenden Strom stürzen. Es dauert nicht lange, und siehe da — die Nachzügler schwimmen bereits in den vordersten Reihen, und Mancher von ihnen eilt weit voraus . . . Andere haben ein Jahrtausend gebraucht, um dieselbe Strecke zurückzulegen. Für diese genügte dazu ein knappes Menschenalter. — Die erstaunliche Entwickelungsfähigkeit der Juden von traditioneller Weltabgeschlossenheit zur modernen Kultur zeigte sich um die Wende des XVIII. Jahrhunderts in Westeuropa. So wurde die Mendelssohn'sche Bibelübersetzung zuerst mit hebräischen Lettern gedruckt, weil die Juden inDeutschland zu jener Zeit zum grossen Teile noch der deutschen Schrift nicht kundig waren. Aber schon die nächste jüdische Generation in Deutschland hatte sieh die deutsche Kultur angeeignet. Es währte nicht lange, und das Judentum gab der deutschen Literatur einen Börne und einen Heine. — Ein ähnlicher Entwickelungsprozess vollzieht sich jetzt im europäischen Osten. Nur geht er hier unter anderen Bedingungen und veränderten Zeittendenzen vor sich. Als die Emanzipation der Juden in Westeuropaeinsetzte, da befand man sich noch allgemein unter den Wirkungen der grossen französischen Revolution und ihrer altruistischen Lehren. Die Zeitstimmung ist aber im Laufe des verflossenen Jahrhunderts in das Gegenteil umgeschlagen. Das Erwachen der osteuropäischen Judenheit vollzieht sich im Zeitalter vorherrschenden Nationalbewusstseins. Das Hinzutreten des nationalen Moments drückt der ostjüdischen Renaissance ein besonderes Gepräge auf. Der Kampf und die Gegensätze zwischen den nationalen und den allgemeinen Bestrebungen und Richtungen bilden die Grundlinien dieser Renaissance in ihrer zeitlich kurzen, inhaltlich aber wesensreichen und wechselvollen Entwickelung. In ihren Anfängen trat mehr die allgemeine kulturelle Tendenz hervor. Die von Deutschland über Italien und Oesterreich nach Russland hinübergepflanzte „Hascalah" war ein Streben nach Aufklärung und europäischer Bildung. Kleidete sie sich auch in ein hebräisches Gewand, so war dieses, trotz der schwungvollen Begeisterung für die hebräische Sprache, doch mehr ein Mittel, auf die jüdische Masse aufklärend zu wirken. Dieser Zweck wurde aber nur in sehr geringem Masse erreicht. Eine Massenwirkung hatte die Hasealah weder in Galizien noch in Russland ausgeübt. Die neuhebräische Presse und Literatur blieb dann in ihrem Einfluss nur auf einen Teil der Intelligenz beschränkt. In Galizien fand die neue Richtung ein unüberwindliches Hindernis in dem heftigen Widerstand der chassidischen Fanatiker. In Russland kam zum Widerstand der jüdischen orthodoxen Kreise der politische und soziale Druck hinzu, der die Bildungsstätten vor den Juden fast gänzlich verschlossen hatte. Die „Maigesetze" und die furchtbaren Judenpogrome in Südrussland zu Beginn der 80er Jahre machten auf die russische Judenheit eine erschütternde Wirkung und entfachten in ihr elementare nationale Impulse. Die neuhebräische Literatur, unter der Führung von Perez Smolenski, dem Herausgeber des einflussreichsten hebräischen Journals „Haschachar", begann eine leidenschaftliche Fehde gegen die assimilatorischen Bestrebungen in einem Teil der ostjüdischen Intelligenz und für nationale Sammlung und Selbstwehr. Um diese Zeit setzte auch die palästinophile Bewegung ein, die mit hinreissender Begeisterung auftrat und bald zu einer Massenemigration nach dem heiligen Lande führte. Hieiin trat bekanntlich ein baldiger Rückschlag ein. Die nationale Grundstimmung in der russischen Judenheit wurde jedoch durch die Ernüchterung inbezug auf die Immigrationsmöglichkeiten in Palästina nicht abgeschwächt. Im Gegenteil: sie vertiefte sich in der Folge immer mehr und erfasste immer weitere Kreise. Ihren Höhepunkt erreichte sie um