Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Die Josefsgeschichte in der bildenden Kunst
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 4)
- Language
- German
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23 G. Kutna: Die Josefsgeschichte in der bildenden Kunst. 24 gäbe des Geldes. Josef wird wie ein Schulknabe, der in die Ecke gestellt wird, zur Seite geführt, ein nazarenisches Fräulein blickt vom Kamel herab melancholisch auf ihn. Wird sie ihn lieben? Der Mohr blickt ihr frischend ins Antlitz, als keime in seiner heimlichen Liebe erste Eifersucht. Wird er sie töten? Die Gruppe ist wie aus einem Bilde Pinturicchios herausgeschnitten. Liuks im Mittelgrund wird schon der Bock geschlachtet, und er blickt wehmütig zu seinem Henker auf: wars denn so eilig? Huben ist nicht zugegen, auch das wird gezeigt, er steht links an einem Zaun im Hintergrunde, sechs Schafe hütend, und blickt nach vorn zu dem Vorgang. Viel wird erzählt, säuberlich ist's geordnet, wie ein Schulgedicht mit vollzähligen Strophen; die beste Qualität ist Sauberkeit. Die ist strikte gewahrt: sie gehen barfüssig und haben kein Fleckchen an den Fü>sen, leben draussen auf der Weide, und nicht einer hat einen Mückenstich. Kein Lebenshauch ist spürbar. Sie sind gekämmt und gewaschen, wie Zöglinge des Konvikfs zur Revision, die Landschaft ist von rein graphischer Existenz, und unmittelbar fühlbar ist nur die nachahmerische Einfalt. Wie Bewegungen und Wendungen gegeben sind, wie die Gestalten in die Bildfläche gesetzt und die Gruppen gebunden und gelöst sind, ist den Meistern der umbrischeu Schule nachgemacht. Nur was bei Peruffino, Pinturicchio und dem jungen Rafael wirkliche Einfalt ist, ist hier künstliche Versimpelung. Energischer im Streben nach Leben ist Wilhelm Schado'w, von dessen Hand „der blutige Rock" und „Josef im Gefängnis" stammen. Weichliche Glätte ist auch hier vorherrschend, besonders Jakob, der bei der Trauerbotschaft die Kleider zerrei-st, ist von schemenhafter Blässe, aber die beiden Söhne vor ihm zeigen Züge des Lebens. Reizend sind die beiden Biedermeier- Fräuleins, die aus der Haustür treten und lamentieren, und der kleine zu Füssen des Vaters sitzende Benjamin. In der Gefängnisszene erfreut ein gewisser Realismus der beiden lauschenden Hof beamten und die VELASQUEZ. Der blutige Rockverklärte Knabenschönheit Josefs. Mancherlei gefällige Züge finden sich in der Darstellungsfolge der aus Arras stammenden Holzschnitzereien in St. Elisabeth in Paris und später bei Gust. Dore; bei Schnorr von Carolsfeld dagegen denkt man nur an die Zeichenklasse der Akademie. Unter den einzelnen Darstellungen aus der Geschichte Josefs ist Rembrandts Radierung vom Jahre 1638 (B 37) in erster Reihe zu nennen. Auch bei Rembrandt gibt es nur wenige Beispiele, in denen sich die offenbarende Kraft seiner Mrnschenschilderung so weitgreifend stark zeigte wie in diesem 11 Zentimeter grossen Blatt der Traumerzählung. Die Seele erscheint darin komprimiert in ihrer Fülle und unergründlich in den enthüllten, durchleuchteten Tiefen. Alles scheint blossgelegt und ans Tageslicht heraufbeschworen, das Erkennbare, Deutbare und all das Unergründliche. Als schaue man in den Anatomiesaal der Seelenforschung, als seien Ausdruck, Mimik und Bewegung auf ihre Fasern hin ergründet, so scharf und so neu erscheint hier der Mensch in seiner Menschlichkeit. Nur in Dramen von Shakespeare findet man etwas ähnliches, Akte und Szenen, in denen verdichtet und verwebt des Menschen geheimes Dasein explosiv in die Erscheinung tritt. Josef tappt und tastet, da er seinen Traum erzählt, und seine Augen sind wolkenhaft fern, abseits vom Bewusstsein in der Traumeswelt. Der Vater lauscht und ist fürsorglich und bang, altersklug und träumend, kritisch und gläubig, wie Väter sind bei den Träumen ihrer Söhne; die Mutter lauert vom Bette her, und die Brüder recken sich und spotten, flüstern und grollen und schmieden Waffen, ehe sie es wissen. Longo sed proximo intervallo ist in diesem Zusammenhang eine Darstellung von Harr}' R. Miieham zu erwähnen, die sich durch eine gute Charakteristik des feindseligen und höhnischen Zuhörens der Brüder auszeichnet und besonders dadurch interessant ist, dass Jakob Josefs Hand fasst und die Rechte auf dessen Stirn legt, wie um den schwärmenden Jüngling zärtlich zur Besinnung zu mahnen. Von der Versenkung in die Grube gibt es in Italien eine ergreifende Darstellung der Schule Cimabues (Giotto?) in S. Francesco in Assisi; in einem Choral buch des Doms von Florenz aus dem 15. Jahrhundert ist in gefälliger Gruppierung der Anschlag in Miniatuiform ausgeführt. Josef kommt mit einem Korb Esswaren, einige Brüder schauen nach ihm aus, einer zeigt in den Brunnen, zu einem zweiten sprechend, der sinnend hineinsieht. Als bewegte Staffage hat Adam Elsheimer (Dresden) den Vorgang in eine Landschaft versetzt. Das Pittoresk-Landschaftliche hat den Hauptton, die Handlung ist eine Beigabe, nicht arrangiert, aber doch accidenteil; die Personen sind im Bilde, aber die Handlung fällt heraus. Auch beabsichtigte Sichtbarkeit ist MADRID. darin und nicht die geheime