Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 13 - 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Hermann Heyermans
Date
1909-01-01
Page
Seite 13 - 14 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2583875-2583980-2583982-2599035--08942-2599106
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

13 Max: Schacherl: Hennann Heyermans. abstossend, ihm fehlen zu den düsteren oder blutroten Farben die helleren, freundlichen. Nur manchmal bricht in das trostlose Dunkel, wie die Sonne durch den grauen Spätherbsthimmel, ein Strahl reinster Poesie, da weiss er mit wenigen Strichen ein traurig-schönes Bild hinzümalen. Da ist das dahinsiechende Mädchen in „Diamantstadt", wie sie am Fenster der Ghettostube sitzt, den Himmel anstarrend, dass er einen Sonnenstrahl schicke; gerade dem Fenster gegenüber bauen sie ein Haus, verlegt man dem sterbenden Kinde die Aussicht auf das Leben .. . Dann kommt so ein Stückchen Sonne und spiegelt sich auf dem Fenstervorsprung, sie legt zitternd das bleiche Händchen darauf, damit es nicht entschwinde . . . Oder die gemütvolle Schilderung der blinden Tante Reggie. So mildert manches feinempfundene Stilleben die brutale Szenerie ... Heyermans ist ein Fanatiker seiner klinstierischen Art, ein Fanatiker der Wahrheit. Mit peinigender Schärfe, schonungslos und dabei wie selbstverständlich entwirft er seine düsteren Bilder. Die wenigsten seiner Judentypen erfreuen Auge und Herz; im Beten sind sie alle stark, dem Leben versuchen sie auf Schleichwegen beizukommen. Solche Judengestalten hat der Dichter in seinem Trauerspiele „Ghetto" dargestellt. Der alte Trödler Sache! hat einen Sohn Rafael, der „aus der Art geschlagen ist". Der Jüngling hat eine phantastische Sehnsucht, hat das Verlangen, dieser muffigen Atmosphäre zu entfliehen. Und er sagt dem alten, blinden Vater, warum es ihn nicht mehr in dem Hause dulde: „Da kam der Tag ... ein Freitag ... Du hattest 'ne Partie Ware verkauft. . . Die Arbeiter luden die Ballen ein. Ich seh' es noch vor mir. Du standst an der Wage, Josef, der Hausdiener, las das Gewicht ab — du selber schriebst die Zahlen auf. . . Aber da sah ich auf einmal etwas, das mich zusammenschrecken lies . . . Ein Ballen wurde ge* wögen — und inzwischen tastete dein Fuss nach der Wagsehale ... Sie wogen deinen Fuss mit. Sie hatten Vertrauen zu deinen blinden Augen; Er sah denselben Vater beten und Sabbat heiligen, und er begann zu grübeln. Der alte Vater will ihm gütig klarmachen, dass Handel und ein kleiner Betrug eins seien. Die alte Tante hält den Diebstahl für eine Revanche an den Unterdrückern. Der blinde Vater ist aber sehend; er ahnt, dass für Rafael noch andere Gründe vorhanden sind. Bis er's weiss, dass die christliche Dienstmagd Rose ihm seinen Rafael „genommen habe". Er will sie nach dem Rate seines Freundes Arön mit Geld abfertigen, sie weigert sich standhäft von Rafael zu lassen, will aber zum Judentum übertreten . . . Das lässt sie der alte Sachel schwören. Rafael kommt hinzu, und als er das Mädchen, die Hand zum Schwur erhoben, erblickt, weiss er, dass es für ihn kein Entrinnen aus diesem Hause gibt. Sie will Jüdin werden. „Jüdin . . . Und ifch, der ich kein Jude mehr bin ..." Er lässt Rose allein ihres Weges ziehn. Aber sie sagt ihm zum Abschiede von dem Hass ihrer Rasse, sie sagt es tnit einem Worte: „Judenschliche! . .* Der Eleazar in „Diamantstadt" und Rafael in „Ghetto", sie verkörpern eine Tendenz. Beidö sind Gottsucher, beide wollen den Ghettomauern entfliehen: „So hocken sie überall, einander plagend, einander aufstachelnd, einander belügend ... 0, diese Stuben, diese dumpfen, heissen, trostlosen Stuben, in die kein frischer Luftzug dringt, wo das Grün der Blätter vergilbt, wo die Lungen keuchen! . ." Eleazar und Rafael: für beide gibt es kein Entrinnen ... Da Rose geht, bleibt Rafael zurück — und dieses Leben, dem er flucht, hat ihn wieder. Es lässt sich kaum behaupten, dass dieses Trauerspiel gelungen ist, dass es Heyermans gelang, den Reformer Rafael über den altjüdischen Rabbi Haezer triumphieren zu lassen. Der alte Rabbi verteidigt jahrtausendalte Traditionen mit Esprit und Witz, er weiss einfach, was er will. Rafaels Wollen bleibt in den blauen Dunstwolken der Sehnsucht gehüllt, ähnlich wie Eleazars Verlangen. So zeigt sich, dass gerade die Helden bei Heyermans der Vollsaftigkeit entbehren, während Nebengestalten in plastischer Feinheit zum Ausdrucke kommen. Das Werk hat bei seiner Aufführung in Berlin vielen Beifall und zionistischen Widerspruch gefunden, der sieh doch kaum gegen die Tendenz richten konnte. Doch scheinen selbst die „nationalen Elemente" des Bewusstseins baar zu sein, dass die wahrheitsgemässe Schilderung einen Reinigungsprozess bedeutet. Rafaels Gedanken, durch die Heirat mit einer Christin die Religion und alles Rassenhinderliche beiseite zu stellen, spinnt Heyermans in seiner Novelle „Ein Judenstreich" fort. Max heiratet Dora, die Christin, die Tochter eines antisemitischen Vaters. Max träumt von einer idealen Ehe. Als das erste Kind kommt, geht der Traum in Brüche. Wohl haben sie vereinbart, ihre Kinder konfessionslos zu erziehen, Dora aber verlangt nach ihren Eltern, und diese verlangen die Taufe des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.