Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Hermann Heyermans
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 11 - 12 (sequence 2)
- Language
- German
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11 Max Schächerl: Hermann Heyermans. kliifteten Häuser, sie sind Elendsstätten, Orte des Grauens und Verderbens. Und in diesetii Milieu leben Menschen, Juden, diese Wohnungen beherbergen die fünffache Anzahl von Menschen als sie fassen könneti, als gesundheitlich denkbar ist. Doch wer hat hier Bedenken? Sie alle wollen leben, in jedem dieser Hungernden und Gepeinigten lebt die heisse Lebensfreude, wohnt die Lebensgier. Und die Juden dieses Ortes seufzen und jammern über ihr hartes Los, über dieses freudenleere, entbehrungsreiche Hungerdasein . . , Aber sie vertrauen Gott, sie versäumen keines der Geliete zu dem Allmächtigen ... 0, das ist ja das alte Judenlied! Im dumpfen Fatalismus dahinsiechen, zugrunde gehen in Schmutz und Elend, und das törichte Bestreben, dieses stete Minus an Energie und Selbsthilfe mit dem Plus des ergebenen Gottvertrauens auszugleichen . . . Gott wird helfen, Gott will. . Des Allmächtigen Wille . .. Das ist das Leitmotiv ihres Jammerdaseins, der Refrain ihres Lebens. So hat sie Eleazar, der Held des Romanes, als Kind, als erwachender Jüngling gesehen; so findet er sie wieder, als er heimkehrt aus der Fremde . . . Ihm scheint es, als wäre Schmutz und Jammer hier noch grösser geworden, als würden sie in ihrer fatalistischen „Jüdischkeit" noch stumpfer dahinsiechen denn damals, als er glaubensfroh und hoffnungsvoll in die Neue Welt gezogen. Er hat Unglück gehabt drüben in Amerika, und im Unglück liebt man mit einem Male die Heimat, so ärmlich und freudeleer sie auch sei, doppelt und dreifach . .. Dieser Eleazar und wir Juden: das namenlose Unglück leitet unser Träumen und Hoffen, unsere weinende Sehnsucht in das Land der Väter .. . Eleazar hat in der Fremde auch gelernt, Bücher haben ihm ein neues Bild der Welt und der Menschen gegeben, und Spinoza „trug ihn in jene Höhe, wo für Menschendreck kein Raum ist..." Er kommt in dem Augenblicke heim, als die Diamantarbeiter wieder einmal zum Streik greifen, wieder einmal — die Hungerlöhne erhöht wissen wollen. Er fühlt sich verloren in dieser alten Welt, diesem alten Gram, dieser uralten Knechtschaft Er feuert die Schwankenden an, er predigt ihnen Mut und Stärke, Einigkeit und Trotz. Aber er erkennt, dass er diesen da kein Heil bringen kann, die eher in Schmutz und Elend verkommen wollen, ehe sie das geringfügigste Glaubensgesetz übertreten würden; die sieh eigenwillig absondern von der Gemeinschaft, und unter dem Drucke des Ghettos seufzen; denen die Heiligung des Sabbate mehr bedeutet als die Erlösung der ganzen Menschheit. TJnd die da alles Heil von Gott erwarten . . . Eleazar fühlt: et wäre emporgewachsen zu einem Lehrer, einem Führer seiner Brüder, die er liebt, er fühlt aber auch seine Ohn^ macht dieser Masse von Feigheit und Halbheit^ Verkommenen und Ergebenen gegenüber . . . Der Dichter zeigt uns seinen Helden in seinem Zusammenleben mit dem Ghettoproletariat, sein verzweifeltes Ringen und Irren. Bis die Brandfackel hineinleuchtet in dieses Chaos von Elend und Verderbnis, bis diese Jammerstätten krachend zusammenstürzen. Eleazar stürzt in das Flammenmeer und rettet die blinde Tante Reggie, und ehe er im Krankenhaus stirbt, hört er noch, dass die Diamantarbeiter den grossen Streik gewonnen... Das ist die Grundlage des Romanes. Aber neben Eleazar tauchen noch viele Kinder des Ghettos auf, alle seufzend' unter dem unerträglichen Los. So grauenhaft und ekelerregend manche Schilderungen in diesem Buche anmuten, sie gehören zum Inventar des Amsterdamer Judenviertels; so abstossend manche der Charaktere in „Diamantstadt" sind — man möchte keine missen. Nicht Suikerpeer, den mürrischen und witzelnden, nicht Poddy, den optimistischen Sterbenden, nicht Tante Reggie, die gottergebene Dulderin; auch nicht die frühreifen, altväterlichen Judenkinder; auch nicht Rebekka, das Judenmädchen, in ihrer tollen Sinnesgier ... Sie alle gehören dazu, um das Bild dieses Judenelends zu ergänzen . . . Einer seiner gestrengen Kritiker, Samuel Meiseis, meint, dass Heyermans Ghettoschilderungen „Ekel und Abscheu" erregen. Er hält dem Dichter das derbe Wort Hebbels entgegen: „Aus Dreck macht man keine Götter! . . Gewiss, dazu bedarf es eines edleren Materiales. Doch Heyermans will keine Götter hinstellen, er ist in dieser, wie in allen anderen seiner Dichtungen ein Ankläger, ein Rächer für alte Unbill. Die derb zugreifende Art seiner Darstellung, der krasse Katuralismus, die alle seine Dichtungen kennzeichnen, deuten genau auf seine literarische Abkunft hin. Der konsequente russische Naturalismus, wie er vornehmlich in den Erstlingswerken Maxim Gorkis zum Ausdruck kommt, die subtile Seelenanalyse der nordländischen Schule und dazu die seltene Kunst eines Dostojewsky, Bilder defe Grauens und Ekels farbensatt, aufrüttelnd hinzustellen: alle diese Merkmale kommen bei Heyermans zum Vorschein., Ohne Zweif61 wirkt vieles