Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Hermann Heyermans
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 15 - 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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15 Max Schacherl: Hermann Heyermans. 16 Kindes, Max wehrt sich, er will das erzwungene Versprechen nicht gelten lassen. Sein Weib aber ist wieder die Tochter ihres Vaters geworden, sie schreit es ihm entgegen: „ . . . Das ist ein Judenstreich! . .u Und am anderen Tage wird das Kind getauft. In dieser Novelle kommt die Tendenz fast absichtslos zum Ausdrucke; hier rehabilitiert der Dichter seinen Rafael, der Rose von sich weist. Heyermans Starke liegt offenbar auf dem novellistischen Gebiete, da weiss er mit einigen wohlgezielten Strichen lebenswarme Gestalten zu zeichnen. In „Judenstreich4' ist der indifferente Aby ein feines Prototyp, das Tantchen eine köstliche Fi^ur. „Sabbath" betitelt sich eine Studie des holländischen Ghettos, Diese Studie ist ein Bild, dem jede freundliche Färbung fehlt. Der Schmutz der winkeligen Ghettogässchen, der Schacher der Juden, die Monotonie des Sabbats wird hier vorgeführt. Nur in der Zeichnung einiger Gestalten verrät sich ein sarkastischer Witz; Maupie, der geriebene Junge, ist gewiss eine köstliche Blüte jüdischen Humors. Von grösseren Arbeiten des Dichters nenne ich noch das romantische Soldatenspiel „Der Panzer", das unter dem Eindrucke der Friedensbewegung entstanden ist. Es behandelt mit bühnensicherer Wirkung den tragischen Konflikt des Offiziers, der gehorchen muss, immer und jederzeit — auch wenn sich die Waffe gegen hungernde Streikende richtet. — Ein soziales Drama voll packender Kraft ist „Hoffnung auf Segen", das einen starken Erfolg hatte, und in welchem der Dichter dem Proletariat des Festlandes die Pi oletarier der See gegenüberstellt, Gefahr und Untergang des kümmerlich lebenden Lotsen dramatisch schildert. Oder das Drama „Ora et Labora", das Leben, Arbeit und frühes Sterben in einen künstlerischen Rahmen zwängt, da* den Schrei der Menschheit persifliert, in geheimer Wut es ausspricht, das erbarmungslose Programm: „Bete und arbeite!.." Heyermans letztes Buch ist eine Sammlung von Skizzen, wie sie besser oder schlechter aus der Betrachtung des Alltags entstehen, das „Berliner Skizzenbuch". Hermann Heyermans ist ein Tendenzdichter. Er hat auch nie das Bestreben, seine Tendenzen zu verhüllen. Amsterdam ist seine Vaterstadt, er ist ein Jude, und so ist die Erklärung gegeben, warum das holländische Ghetto seine fast ausschliessliche Domäne geworden. Aber es kommt hinzu, was sich in keinem seiner Werke verleugnet: er ist ein sozialer Dichter. Weil in den Mauern des Ghettos das soziale Elend beispiellos zu Tage tritt, weil dort Schmutz und Verderbnis ganz unverhüllt zu Tage treten, holt Heyermans seine Stoffe und Personen aus diesem Gebiete» Er bearbeitet sie nicht künstlerisch, er stellt sie hin, wie er sie gesehen. Dass diese Wahrheit so erschreckend, so aufregend wirkt, ist traurig für die Amsterdamer Ghettojuden. Aber alle Ghettoschilderungen haben mit Heyermans Judentum, das trotzdem ein bewusstes ist, nichts zu schaffen. Der eine Dichter — Zola im „Germinal" — sucht die Enteibten des Schicksals unter der Erde; der andere findet sie im Amsterdamer Ghetto! Zolas krasse Schilderungen aus dem Leben der Bergarbeiter werden durch seine geniale Kunst gemildert und erhellt; Heyermans' Können fehlt dieses künstlerische Moment. Aber er ist wahr, und seine Erzählungen sind unerbittlich und schonungslos, wie jede Wahrheit. Und ist er nicht der Dichter, der duftende Blumen zu farbenfrohem Kranze bindet, so ist er der Menschenfreund, der Bruder der Beladenen nnd Bedrückten, die er mit dem Schwerte in der Hand anklagt und verteidigt, weil er ihres Daseins ganzen Jammer fühlt und begreift. Und er liebt das Judentum, doch er hasst das feige, entnervte Geschlecht, für das es zum Patum geworden, zum Quell der Resignation. Denn zwischen Judentum und Juden kann es sehr wohl eine geteilte Liebe geben. Dieses hat der jülisch-soziale Dichter Hermann Heyermans empfunden, und er bringt es rücksichtslos zum Ausdruck.