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Ost und West · 1909-01-01 · Heft 1 (Januar 1909) · p. Seite 7 - 8

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Journal
Ost und West
Volume
9 (1909)
Issue
Heft 1 (Januar 1909)
Article
Das Jahr 1908
Date
1909-01-01
Page
Seite 7 - 8 (sequence 4)
Language
German
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7 M. A. Klausner: Das Jahr 1908. 8 rechtem Stolz von sich sagen darf, sie habe durch ein fast fünf Jahrzehnte lang sorglich gepflegtes Schulwerk die Israeliten der Türkei zu würdigen, bewussten, tatkiäftigen Mitarbeitern der Reformatoren in den Landen des Sultans erzogen. Denn es gibt unter den eingeborenen Juden der Türkei keinen Gebildeten, der seine Bildung nicht durch die Vermittlung der Alliance lsraölite Universelle erlangt hätte. In Preussen haben wir kürzlich an der Säkularfeier des Erlasses der Städteordnung teilgenommen. Erst hundert Jahre also ist es her, dass es in Preussen ein Bürgertum gibt, das seine nächsten, gemeindlichen Arbeiten unter Aufsicht des Staates selbst tun darf. Und in der Zwischenzeit hat diese Bürgerfreiheit wesentliche Fortschritte nicht gemacht. Noch nicht hundert Jahre ist es her, dass in Preussen die Bauernschaft aus den Fesseln der Hörigkeit befreit wurde. Welcher mächtige Umschwung in einer Zeitspanne, die für den geschichtlichen Werdegang klein ist! Welchen Umschwung aber haben wir in derselben Frist in Preussen und in Deutschland an uns selbst erlebt! Ein Achtzigjähriger unter uns könnte noch aus eigener Erinnerung von der Einrichtung des Leibzolls sprechen, und erst vierzigjährig ist unsere volle Emanzipation als rechtliche Einrichtung. Ist es gar so sehr zu verwundern, dass die lebendige Emanzipation der papierenen so schnell nicht folgen will, dass die Verwaltungspraxis sogar versucht hat und zu versuchen fortlährt, uns tatsächlich vorzuenthalten, was uns rechtlich zusteht! Freilich ist auch solches Unrecht noch kein geringeres Unrecht und auch nicht weniger für die Gekränkten empfindlich. Auch wTäre es nicht wohlgetan, in stummer Resignation die Kürzung unserer Ansprüche hinzunehmen, die dank dem Fortschritt der Menschheit im Bewustsein der Freiheit unser staatlich anerkanntes grundgesetzliches Recht geworden sind. Es ist im Gegenteil unsere Pflicht, für unsere gerechten Ansprüche mit aller Kraft und Entschiedenheit einzutreten, uns nicht mit ausnahmsweise gewährten Zugeständnissen zu begnügen. Die Erinnerung an überwundenes grösseres Unrecht kann und soll nur dazu dienen, uns mit Zuversicht zu erfüllen, die um so rückhaltloser und reiner sein darf, als der Sieg des Rechts keinen verlierenden Teil kennt, weil an den Früchten dieses Sieges Jeder Anteil hat, auch der, der gegen den Gerechtigkeitsgedanken sich sträubte. Dass man unseren Brüdern und Söhnen so manche Laufbahn völlig sperrt, dass man auf anderen Laufbahnen sie hemmt und zurückhält, das hat am letzten Ende uns weniger als den Verübern der Unbill geschadet. Wollten wir uns und unser Gedeihen allein berücksichtigen, so könnte es uns vielleicht fraglich werden, ob es für uns ein Gewinn wäre, wenn der Stachel der Zurücksetzung uns völlig genommen würde, der unserem inneren Menschentum so dienlich gewesen ist. Doch wir wären uns selbst nicht treu, wenn wir um unser Recht nur um des Nutzens und nicht um der Gerechtigkeit willen kämpften. Auch ist nicht einzusehen, weshalb wir in dem uns aufgezwungenen Kampf darauf verzichten sollten, dass der Gegenpartei Widerstreben uns von schwachen und minderwertigen Elementen befreit, die der Schmeidigkeit vor der Zähigkeit den Vorzug geben, weil es ihnen an der sittlichen Kraft gebricht, in einer Minderheit auszuharren, die die ihr bewahrte Treue nicht mit Auszeichnungen lohnen kann. Wer uns verlässt, weil ihn die Geduld verlassen hat, den beklagen wir — nicht für uns, denn sein Scheiden bedeutet für uns keinen Veilust und nicht für ihn, denn er selbst hat uns die Teilnahme an ihm verboten — sondern für die grosse Staatgemeinschaft, die ihren angeblich „christlichen" Charakter betont und dabei als selbstverständlich hinnimmt, dass aus einem schlechten Juden noch jederzeit ein guter Christ werden kann. Wir dürfen aber auch nicht vergessen, dass wir nicht immer belugt sind, die Schuld am Ueberläufertum nur bei dem Ueberläufer zu suchen. Bei allem Bildungsdrang haben wir es allzuoft an der spezifisch religiösen Unterrichtspflege fehlen lassen, so dass ein ganzes Geschlecht aufwachsen konnte ohne jedes Rüstzeug für die Wahrung des Vätererbteils. Dass hierin die Verhältnisse sich zum Besseren gewendet haben, beobachten wir mit herzlicher Befriedigung. Doch ehe noch die Befriedigung den gewünschten Grad erreichen konnte, ist schon eine andere Erscheinung aufgetaucht, der wir sorgliche Aufmerksamkeit zuzuwenden alle Ursache haben. Zu allen Zeiten hat es in Israel verschiedene religiöse Richtungen gegeben, sogar eine .gewisse Neigung zur Sektenbildung ist manchmal vorhanden gewesen. Dass es dabei zu Reibungen kam, zuweilen selbst zu gegenseitigen Verketzerungen, war nicht zu vermeiden. Gleichwohl kam es — mit einer Ausnahme, die lange, lange Jahrhunderte zurückliegt — nicht zum förmlichen Schisma, zur Spaltung, zur Aufhebung der Einheitlichkeit. Die Radikalen beider Richtungen mochten einander nicht verstehen; sie wagten aber nicht, vom Judentum einander

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