Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 9 (1909)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1909)
- Article
- Das Jahr 1908
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2583875-2583980-2583982-2599034--08938-2599104- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9 M. A. Klausner: Das Jahr 1908. 10 auszuschliessen. Die Sammelparote galt, die von sehr frommer Seite ausgegeben war: wer den Bekenntaisruf Schema Israel spricht, der ist ein Jude! Es ist notwendig, hieran zu erinnern. Denn schon haben Fanatiker die Stimme zur TrennungsforJernng erhoben. Wir hoffen, dass sie kein Gehör, dass sie entschlossene Zurückweisung finden werden. Nicht in Schroffheit, sondern in brüderlicher Liebe, in Erinnerung an die gemeinsame glorreich-leidvolle Vergaogenheit und in Mahnung an die Aufgaben der Zukunft, die uns nicht minder gemeinsam sein soll, und an die gemeinsame Pflicht, dass wir bleiben sollen, was die Väter waren: des unsterblichen Gottes unsterbliche Leibwache! HERMANN HEYERMANS. Von Max Schacherl. In einer Novelle des Boccacio findet sieh eine hübsche Episode. jDa wird erzählt, wie ein Fremder in eine kleine Stadt gerät, und sich bei einem Einheimischen nach der Berufsstellung der Einwohner erkundigt. „Bei uns sind alle Aerzte!.." sagt ihm dieser; das hält der Fremde für einen Scherz. Der Andere erbietet sich zum Beweise, verbindet einem Bettler den Kopf und heisst ihn, sich auf die Stufen des Rathauses zu setzen. Und siehe da: jeder der Ein- und Ausgehenden verweilt bei dem anscheinend verwundeten Bettler mit teilnahmsvoller Frage, und jeder weiss irgend ein Heilmittel; dieser eine Salbe, jener eine Tinktur, der Dritte wieder Wunderpillen. Und das geht so lieblich fort, bis der erstaunte Fremde wirklich erkennt, dass er es hier mit lauter Ärzten zu tun habe, denen guter Rat — billig ist... Diese sinnige Anekdote erscheint mir bezeichnend für das moderne Judentum, für seine Dichter. Betrachten w r die Werke jüngerer jüdischer Dichter oder solcher, die es zu sein vermeinen, dann erscheinen sie, jeder literarischen Zutat entkleidet, als Medikamente, Tinkturen, Wunderpillen, um deren Wirkung sich allerdings nur die wenigsten bekümmern. Vor dem Auge so manches modernen Dichters erscheint der Mann mit dem verbundenen Kopf, der Bettler, sitzend vor dem grossen Hause, dessen Tür ihm verschlossen bleibt... für den immer Rat zur Hand ist; die Hilfe aber ist weit. Aus dem tiefen Eindrucke unmittelbaren Judenelends, unsagbarer Volksnot, sind viele dieser Diehterwerke entstanden, in manchen aber ist der Schmerz und die Qual von Generationen, das Leid von Jahrtausenden geformt. .. Wir haben wenig wahrhaft jüdische Dichter, aber an der Tragödie des Judentums sind viele zu Dichtern gewachsen. Der holländische Jude Hermann Heyermans ist einer von denen, die von der Not des Augen- Nachdruck \2rboten« blicks ergriffen, zu Kündern alten Jammers werden. Das Amsterdamer Judenviertel ist seine literarische Domäne* der Jammer und die Bedrücktheit des hollindischen Ghettos die Grundlage seiner Dichtungen. Weil er das Judenproletariat Amsterdams in seiner erschreckenden Not schildert, weil die Behandlung des Ghettolebens in seinen Büchern oft wiederkehrt, ist Heyermans in den Ruf des modernen Ghettodichters gelangt. Mit Unrecht, wie ich beweisen will. Doch nicht etwa, weil er das Ghetto in seinen krassesten Zügen zeigt, auch nicht, weil er mit fanatischem Eifer Schmutz und Verderbnis innerhalb der Gliettomauern aufdeckt, ist er kein Ghettodichter. Dieses würde nicht hinreichen (wie es einer seiner Kritiker tat), ihm die Eigenart eines Ghettoschilderers abzusprechen. Ich glaube auch nicht, dass Heyermans diesen Titel prätendiert. Ehe man über die Zugehörigkeit eines Dichters zu dieser oder jener Richtung streitet, ist es doch unerlässlich, über seine Tendenzen Klarheit zu gewinnen. Und diese Tendenzen sind bei dem holländischen Judendichter sichtbar, sind leidenschaftlich betont. In „Diamantstadt", dem grossangelegten Romane, gibt Heyermans nicht nur Dokumente schrecklichster Not, traurigster Verkommenheit, er erscheint hier auch wie ein Streiter, ein Heilslehrer. Dieser Roman ist wohl nicht des Dichters erstes, auch nicht sein bestes Werk, sicherlich aber sein packendstes, erschütterndstes' Buch. Die „Diaraantenstadt" ist Amsterdam, der Vorwurf des Roraanes ist das alte Judenviertel, wo die vielen Hunderte bettelarmer Juden hausen, denen täglich Reichtümer an Edelsteinen blitzend und glitzernd durch die schwieligen Hände gehen. Das Leben dieser Arbeiter schildert Heyermans in den grellsten Farben, er zeigt uns Bilder abstossenden Elends, furchtbarer Verkommenheit. Diese Wohnungen mit den üblen Gerlichen, diese alten, zer-