Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1908)
- Article
- Das Erwachen
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 759 - 760 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583979-2598919--08875-2598993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
759 David Pinsky: J);is 'Erwachen. 760 Die ganze Zeit während des Essens sass er wie im Traume. Der Wein machte ihn nicht munterer. Das Essen erwärmte ihn nicht. Nur dass die Andern auf ihn sahen, mit so fragenden, unruhigen Blicken, das reizte ihn, und er kam nicht aus der Verlegenheit heraus. Die Eltern und Hirsche, der Alte, unterhielten sich; er schwieg und hörte nicht zu. Und unruhiger wurden die Blicke einer Mutter. „Was ist denn plötzlich mit dir geworden?" fragte die Gute. „Da bist doch sonst so . . so . . gewesen und bist nun heute so . . so . . ganz anders." Aber Leibke runzelte die Stirn und sagte verärgert: „Was denn so? Was du auch alles findest?41 Und Hinde, die die Teller in die Küche getragen hatte, hob ihre verschlungenen Hände in die Höhe und presste sie gegen die Brust. Am liebsten hätte sie sich auf die Knie geworfen und hinausgeschrien: „Du Lieber, Lieber, Lieber!" Aber — sie legte das Gemüse auf die Teller und sagte verzückt hin ganz leise: Liebster Leibkele, mein Süsser, mein Liebling!------ Sie hatten gegessen und das Tischgebet gesagt und wieder die Hagadah vorgenommen. Der vierte Becher wurde gefüllt und der Becher des Profeten Elijah. Hinde ging hinaus, um die Tür für den Profeten Elijah zu öffnen, der jetzt durch die jüdischen Häuser geht, um den Weheruf der Juden gegen die Völker aufzunehmen, die nichts von ihrem Gotte wissen. Hinde kam von der Küche zurück und blieb an der Tür zwischen dem Flur und dem Esszimmer stehen, bis man das Fluchwort gegen die Unterdrücker gesagt hätte. Mit der einen Hand lehnte sie sich an die Tür, die andere hatte sie in der Tasche der weissen Schürze. Ein glückseliges Lächeln koste um ihre Lippen, hinter denen ihre weissen Zähnchen vorlugten. Und ihre Augen blickten ernster, tiefer, bescheidener, weil der Profet Elijah jetzt in der Stube war und ihr grosses Glück mit ansah . . . Leibke blickte zu ihr auf. Er wollte sehen, Avarum sie nicht näher kam. Ihre Blicke trafen sich, und ein JOSEF RONA. Preisgekrönter Entwurf BUDAPEST. für das Denkmal der Königin Elisabeth in Budapest. heiliger Schauer durchrieselte ihn. Ihm war, als ob hinter der Tür im Halbdunkel des Esszimmers der Profet Elijah stand, sie mit seinem Schatten umhüllte und nur aus ihren Augen strahlte. Und als sie dann ins Zimmer trat, nachdem sie das Haustor wieder geschlossen, wrar der Profet Elijah Hanowi noch immer in ihr und blickte aus ihren tiefen Augen. Da aber empfand er, dass er ihr nie wieder ein böses Wort würde sagen können. Und so weich und warm wurde ihm ums Herz. Und er war wieder wie neugeboren und licht wurde es in ihm und neue Gedanken regten sich in seinem Kopf. Dann hielt er eine Rede über das vierte Kapitel des Hallel-Psalmes „Gott gedenkt unser und segnet uns. Er segnet Israel. Er segnet die Grossen und die Kleinen. Gott boll Euch mehren, Euch und Eure Kinder. Gesegnet seid Ihr dem Ewigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Die Himmel sind die Himmel des Ewigen und die Erde gab er den Menschenkindern. Nicht die Toten loben Gott und