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Ost und West · 1908-12-01 · Heft 12 (Dezember 1908) · p. Seite 761 - 792

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 12 (Dezember 1908)
Article
Das Erwachen
Date
1908-12-01
Page
Seite 761 - 792 (sequence 7)
Language
German
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761 David Pinsky: Das Erwachen. 762 Dicht all die, die ins Grab hinabsinken." Er sprach mit Eifer, mit Liebe und Wärme. Er hätte die ganze Welt umfangen mögen und er segnete alle Menschen, Er, der das Leben noch nicht kannte, lernte nun zu leben. Seine Seele, die noch nicht geboren war, entdeckte das Geheimnis des Lebens. „Der Himmel ist Gottes, aber die Erde gehört den Menschenkindern. Nicht tot muss man sein auf der Erde; denn die Toten loben nicht Gott. Leben muss man; denn die Erde ward uns gegeben zum Leben. Und Leben heisst Lieben: Gott lieben, die Menschen lieben, die ganze Welt lieben. Und dann gedenkt Gott unser und segnet uns." Lange sprach er so. Seine Seele war voll des Lichtes vom Garten Eden. Er durchlebte die Wonnen der heiligen Liebe. Sein Antlitz strahlte, und wie von himmlischem Glanz leuchteten seine Augen. Die ihm zuhörten, glaubten, dass Gottes heiliger Glanz auf ihm lag. Es war das erste Mal, dass sie ihn verstanden; und Glück und Freude und Weihe füllten die Stube. Als er geendet hatte, fiel ihm seine Mutter um den Hals und küsste ihn wieder und wieder. Und der Vater winkte, die Augen voll Jubel, dem Alten zu» „Was sagt Ihr nun, mein Lieber!!" Und der Alte fand nur ein Wort: „Ein Grosser in Israel!" Hin de lief in die Küche. Dort weinte sie Tränen der Liebe und Tränen der Sehnsucht. * * * Die Frauen waren noch in der Küche beschäftigt. Die Männer sagten weiter die Hagadah, aber der alte Hirsche nickte schon ein. Auch der Vater war müde und liess sich das Bett machen. Nur Leibke war munter und rege. Er las fröhlich weiter in einer munteren Melodie und war glücklich. Das Licht in den Kandelabern war schon ausgebrannt und qualmte, aber er merkte nichts davon. Ihm war so wohl, und die Freude des Lebens durchbrauste ihn« Die ganze Welt hätte er umarmen mögen und Hindes Küche war ihm der Mittelpunkt der Welt! Und er sagte die Schlussgesänge immer singend, lebhafter, lustiger, glücklicher. Eine dampfe Müdigkeit befiel Leibke. Seine Seele lechzte nach Ruhe. Aber schlafen kann er nicht. Er lehnte sich an die Rückwand des Sofas. Er wollte sinnen und träumen, der Sehnsucht seines Herzens nachspüren. Aber sein Geist liess sich nicht zwingen. Er dachte seiner Gedanken beim Talmudlernen; er dachte an die Fragen der letzten Tage, an seine heutige Deutung, und immer stand Hinde vor ihm in Schönheit und Licht. Lange, lange warf ihn die innere Unrast hin und her, aber endlich versank er in ein Meer von Licht. Und das Licht umgoss das ganze Haus in weitem, weitem Umkreis. Und das Licht strömte aus von Hinde, die wie die Sonne leuchtete. Und träumend von Licht und Schönheit schlief er ein . . . Sein Schlaf war schwer. Aber schwerer noch war der neue Tag. Schwere Tage kamen für ihn. Und schwere Nächte. — Nächte und Tage voll harten Kampfes, der seine ganze Seele durchpflügte.

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