Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1908)
- Article
- Das Erwachen
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 757 - 758 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583967-2583979-2598919--08874-2598992- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
757 David Pinsky: Das Erwachen. 758 Aber Hirsche, der Alte, sagte witzelnd: „Woher soll er denn etwas verstehen von schönen Mädchen? Ja, wenn es Talmud-Kommentare wären!" Und die Mutter meinte: „Nicht schlecht! Mag nurs" die Rechte kommen, er wird sich schon drauf verstehen." Aber Leibke starrt nach der Tür und wartet, dass Hinde wieder käme. Tm Zimmer war es wohl dunkler geworden? Und seine Seele bangte. Die Vorbereitungen zum Seder- Abend waren endlich fertig. Der Vater und Hirsche, der Alte, hatten sich die weissen Kittel angezogen; und man setzte sich an den Sedertisch. Auch Hinde kam herein, nachdem sie ihre letzte Arbeit erledigt und das Haustor verschlossen hatte. Leibke sah sie mit verschämten Blicken an. Ihm wars, als sei es wieder lichtig geworden im Zimmer. Eine unendliche Fröhlichkeit ging von ihr aus. Es war neues Leben und ein verzückter Siegerruf. In seiner Seele aber blieb noch ein Hauch der Sehnsucht; und eine stille Trauer zog durch seine Brust . . . Der Vater sass oben am Sedertisch auf seinem Sessel, seinem Herrscherthr on aus zusammengestellten Stühlen; die Mutter zu seiner linken Seite, Leibke ihm zur Rechten auf dem Sofa. Neben ihm JOSEF IlOXA. BUDAPEST. Statue der ungarischen Königin Elisabeth in Gödöllö. sass Hirsche, der Alte, an der anderen Ecke des Sofas; und ihm gegenüber neben der Mutter sass Hinde. Nun wurde „Kiddusch gemacht", der heiligende Weihespruch gesagt. Die Erzählung vom Auszug aus Ägypten begann. Leibke sagte die ersten Worte, als wäre ihm die Kehle zugeschnürt. Alle sahen auf ihn, er zitterte und wurde rot und verschämt. Die vier Fragen kamen ihm recht schwer an. Sonst pflegte er sie fröhlich zu sagen, mit lauter Stimme. Diesmal hastete er sie ab mit müder, trockener Stimme; er spürte, wie alle Blicke auf ihm lagen. Die Augen hob er nicht auf von dem Buche und — er hatte doch sonst so voller Leben die Worte gesagt und immer neue Wunder in ihnen entdeckt, und immer neue Deutung hatte er geben können, dass der Vater und die Mutter und Hinde und Hirsche, der Alte, vor Freude quollen (wenn sie auch nichts oder nur wenig davon verstanden). Er war nicht mit dem Herzen beim Hersagen der Hagadah. So wüst wars ihm im Kopf. Er konnte nicht denken und sinnen. Nur eines fühlte er: dass Hinde ihm gegen übersass. Sie sieht auf ihn und er nicht auf sie. Und ihm war, als sässe er mit geschlossenen Augen, und fühlte doch mit allen Fibern seiner Seele, dass es wunderlicht im Zimmer wäre. Und er hätte doch so gern die Augen öffnen mögen . . . Der Vater und die Mutter sahen ihn immer wieder verwundert an. Ihn schmerzten diese Blicke und machten ihn nur noch mehr verlegen. Hirsche, der Alte, wandte sich an ihn und sagte „Wirst du heute denn gar keine Rede halten?" Der Vater meinte noch, lialb im Scherz: „Wirklich! Wir haben den Ägyptern ihre Plagen schon aufgezählt, und nun solltest du noch reden". Die Mutter antwortete statt seiner, ihn voll Besorgnis ansehend: „Vielleicht hat er für später etwas vorbereitet!" Hinde griff es ans Herz; und sie vergrub schamhaft ihr Gesicht in ihre Hagadah. Aber in ihr schrie es laut vor Freude. Leibke verlor sich ganz und wurde rot. Über und über! Er antwortete: „Ich hab heut nichts gefunden, das ich sagen könnte; vielleicht später." Er ärgerte sich gleich über seine Worte. Es war ja Lüge, dass er nichts gesucht und nichts gesonnen oder gar vergessen hätte, über eine neue Deutung nachzudenken. Und dann ärgerte er sich auch über Hinde! Ihn durchjagte so ein dumpfes Gefühl, dass er hätte aufschreien mögen: „Wollt Ihr von mir etwas hören, dann schickt Hinde aus dem Zimmer." Aber er hütete sich, einen Blick auf sie zu werfen, nun gar in seinem Ärger. Denn voll war er ihrer Schönheit und voll ihres Lichtes, wie sie glückstrahlend dasass, beide Hände auf den Tisch gestützt, in der Hagadah blätternd. Erst später, als sie aufstand, um das Essen zu holen, blickte er auf ihren leren Stuhl so lange, bis sie wieder kam.