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Ost und West · 1908-12-01 · Heft 12 (Dezember 1908) · p. Seite 755 - 756

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 12 (Dezember 1908)
Article
Das Erwachen
Date
1908-12-01
Page
Seite 755 - 756 (sequence 4)
Language
German
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755 David Pinsky: Das Erwachen. Er war wortkarg und beschäftigt mit den Vorbereitungen zum Seder. Und Leibke ging umher ganz unter dem Eindruck eines neuen Gedankens, der ihm gekommen, als sie heute den Talmudabschnitt beendeten. Eine jener Stimmungen hatte ihn umfangen, die ihn weit, weit hinweg hob und ihm Gesichte zeigte; aber sie war noch reiner, gehobener, war Festtagstimmung. Er war mit sich zufrieden und glücklich ob seines Scharfsinnes, glücklich ob der Tiefe der Gemara. Und er summte ein Lied, so wenig Melodie auch in ihm war. Die lichte Stube hatte ihn mit Glanz erfüllt und mit Glück. Er hatte den Vorgeschmack des Paradieses und lebte ein Stück, die Befreiung seines Volkes, und seine Seele jauchzte vor Lust. Es war ihm, als ob die Passahnacht sich auf ihn herabgesenkt hätte, weil er ihrer bedurfte, weil seine Seele lechzte nach Licht und Schönheit.-----—---- Hinde kam ins Zimmer, um die Kissen auf dem Stuhle des Hausherrn zurechtzulegen. Wie war sie so lieblich in der weissen Bluse mit dem rosafarbenen Halstuch und in der grossen weissen Schürze mit den breiten Achselbändern, die hinten in einer breiten Schleife zusammengebunden waren. Rosig leuchteten ihre runden, weissen Bäckchen und purpurn die kleinen süssen Lippen. Für ihn hatte sie sich geschmückt. Seine Königin wollte sie sein, selbst wenn er nichts davon wüsste . * . Und so oft sie ins Zimmer kam, warf sie auf ihn einen entzückten Blick: „sähe er, sähe er doch nur, wie schön ich bin ..." Und Hirsche, der Alte, ein weitläufiger Verwandter, der Sabbat und Festtage Gast des Hauses war, half ihr die Kissen in den schneeweissen, mit roten Buchstaben geschmückten Ueberzügen, auf die zusammengestellten Stühle und auf das Sofa legen. Er liess die Augen nicht von ihr. Als sie fertig war, da warf der Alte einen Blick auf das Mädchen, dass sie verilammt aus dem Zimmer lief: sie wusste, dass sie heute schön war! Und laut schlug ihr Herz. Hirsche aber, der Alte, rief aus: „Eine seltene Schönheit, die Hinde." „Wie die Sonne leuchtet sie," rief die Mutter. — „Das habt Bir jetzt erst bemerkt?" fragte der Vater. „Nein, wie sie heut ist, so hab ich sie noch nie gesehen. Eine seltene Schönheit." „Ja, ja! Wie die Sonne! Wie die Sonne leuchtet sie schier," sagte die Mutter. Und lachend fügte der Vater hinzu: „Wie doch der Alte auf schöne Mädchen guckt." Hinde brachte jetzt den weissen Kittel. Und Leibke sah zu ihr empor und sah . . . dass sie schön war. Die Helle und der Festtag im ganzen Zimmer spiegelten sich in ihrem Gesicht. Und die strahlende Reinheit des Festes schien zusammengefasst in ihrem Antlitz, in ihrer weissen Schürze und ihrer weissen Bluse. Er sah auf sie mit weit aufgerissenen Augen, JOSEF RÖXA. BUDAPEST. Faun in der Klemme. als hätte er sie — zum ersten Male gesehen. Alle seine Gedanken schienen verweht; und doch war er nicht ärmer geworden. Er war voll ihres strahlenden Glanzes, und seine Seele schlürfte in vollen Zügen ihre Schönheit. Sie sah ihn mit ihren blauen Augen an; und er war umflossen von Helle. Er krallte sich mit seiner Rechten in seinen Rock fest, und leise beweg ten sich seine Lippen. Er senkte seinen Blick wie beschämt und fühlte sich müde von all dem Licht, das seine Augen getrunken, von all der Schönheit, die er genossen. Hinde fühlte, dass er sie endlich geseh en! Und ein Zittern durchzuckte ihren Körper. Sie legte die Kittel bei Seite und ihre Hand bebte. Sie ging, sie lief aus dem Zimmer, und Leibkes Blicke begleiteten sie . . * — „Davon verstehst du auch was?" fragte ihn der Alte. Leibke antwortete nicht. Er fühlte nur, dass es schöner und lichtiger im Zimmer, wenn sie darin weilte, und dass seine Seele, die nach Schönheit und LicM lechzte, ihren Durst erst empfand, als er sie gesehen . . . Wenn sie doch wieder hereinkäme! . . .

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