Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1908)
- Article
- Das Erwachen
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 753 - 754 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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753 David Pinsky: Das Erwachen. 754 Lust wiederholte er Worte, bei denen seine Mutter die Augen zur Erde senkte und rot wurde, und bei denen Hinde, seine Halbschwester, die halb Dienstmädchen war zu Hause, aus dem Zimmer lief, verfiammt und in verletzter Keuschheit. Leibke war ein schöner Jüngling von mittlerem Wüchse und breiten Schultern, die er von seinem Vater geerbt hat, der früher auf dem Lande gewohnt hat, von seinem Grossvater, seinen Ahnen und Urahnen; alte Geschlechter von Landbewohnern, denen kein Studium des Talmud und kein Hocken auf Lehrhausbänken die Kraft aus Muskeln und Sehnen genommen. Er hatte ein zartes, weiches, rundes Gesicht, das wie eine Krone dichtes, kastanienbraunes, krauses Haar umgab. Und grosse, braune, tiefe Augen unter dichten Brauen glänzten aus dem Antlitz. Die Mädchen aus seiner Gasse und noch von viel weiter her sprachen tuschelnd über ihn, und wenn sie ihn von weitem sahen, stellten sie sich ans Fenster und warteten, bis er vorüberging. Er sah aber niemals jemand. Am Simchas-Thora — wenn er mit der Thorarolie durch die Synagoge ging — wurde die seine von den Mädchen am liebsten mit den Lippen berührt. Uni es soll sich sogar oft ereignet haben, dass dann ein paar warme feuchte Lippen sich zu seiner weichen weissen Hand verirrten. Aber ihm gab der Kuss nur ein unangenehmes JOSEF RÖNA. BUDAPEST. „Letzte Liebe". Gefühl: gar etwas wie Verachtung für die niedrigen Geschöpfe, die nicht einmal der Thora einen rechten Kuss .zu geben verstanden. Und es schien ihm geradezu eine Beleidigung der heiligen Thora, mit der er jubelnd tanzte! Auch Hinde war ihm nichts hier, die seine Eltern zu sich genommen hatten. Und doch war sie im Schmucke ihrer siebzehn Jahre entzückend schön. „Wie Gold" pflegten die Frauen von ihr zu sagen. Sie war klein und hatte zierliche, runde Glieder. Ein alabasterweis ses Gesicht von schwarzem, sammetweichem Haar umrahmt, Und ihre Augen waren blau wie der Himmel und blickten gar fröhlich und bescheiden in die Welt hinein. Immer schwebte ein liebliches Lächeln um ihre kleinen süssen Lippen, die zwei Reihen blendend weisser Zähnchen mehr enthüllten als verbargen. Hinde liebte Leibke stark, heiss, mit der ganzen Kraft ihrer keuschen Seele. Ganz im Verborgenen, ohne Hoffnung, denn sie war ja doch nur ein Dienstmädchen. Ihre Nächte waren unruhig, und oft träumte sie im Wachen, ganz fortgerissen von ihren Gefühlen, wenn sie in der Küche stand und die Töpfe wusch. Von ihrer Zukunft träumte sie, von ihm, von Hochzeitsfreuden. Aber sie wusste, dass doch niemals das Glück zu ihr kommen würde. Und er behandelte sie ganz wie ein Dienstmädchen. Ueberhaupt wie ein Wesen niederer Ordnung . . . Er ging umher, als wäre er aus einer fremden, feinen Welt. Eine ungeborene Seele zwischen lebensmüden und lebeosmatten Seelen. Ein Glücklicher unter Verzagten und eia Schlafender unter Wachenden. Da plötzlich kam über ihn das grosse Erwachen. # * * Die Wände waren mit neuen Tapeten geziert. Die Zimmerdecke frisch geweisst, der Boden blank gewaschen, die Fensterscheiben geputzt, der Tisch im Zimmer gedeckt mit weissen neuen Tüchern, mit neuen Tellern, blanken Messern, Gabeln und Löffeln, mit silbernem, vergoldetem Becher und mit zwei Flaschen funkelnden Weins. (Es war zwar einfacher Rosinen wein, aher gefunkelt hat er im Glanz der grossen leuchtenden Hängelampe und der blinkenden Kandelaber.) Licht und Helle waren in dem Zimmer in jedem Winkel. Und die Herzen waren voll des Festtags — Passah wars und die helle, lichtige erste Sedernacht. Und alle Menschen in der Stube strahlten in Frische — Festtagmenschen. Keine Müdigkeit war in ihnen von all den Vorbereitungen zum Feste; denn alles war allmählich entstanden, wie die Mutter es liebte; und Hinde war tüchtig, und eine Jüdin, die man ins Haus genommen, hatte wacker geholfen. Auf den Gesichtern lag ein Glanz von Glück, auf den Lippen schlummerte ein Sang. Nur der Väter sah wohl ernst aus, wie es sich für einen Herrscher des Freiheitsfestes passt.