Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1908-12-01 · Heft 12 (Dezember 1908) · p. Seite 735 - 736

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 12 (Dezember 1908)
Article
Jakob Wassermann
Date
1908-12-01
Page
Seite 735 - 736 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583967-2583979-2598908--08843-2598981
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

735 Max Schacher!: Jakob Wassermann. 736 Essay „Das Los der Juden", in dem er sich mit dem modernen Judeuproblem auseinandersetzt, lässt keine bestimmte Ansicht über Wassermanns Tendenzen aufkommen. Auch aus diesem Essay spricht weniger der bedrückte Jude, als der Jünger Tolstois. Wassermann kennt keinen Rassenhass, er nennt es einen „Kleiderhass, Manierenhass". Und prophetisch klingen die Schlussworte: „Einstmals vielleicht ersteht ein Genius aus jüdischem Blute, ein Mann der liefsten Leidenserfahrungen und des stolzesten Adelsbewusstseins; er wird die beste Rache der Juden sein, denn die ganze Menschheit wird seiner bedürfen, uud seine Gaben mit Beschämung hinnehmen . . Agathon Wassermann fühlt nur, dass Jude und Christ, dass beide dazu beigetragen haben, das Jahrhundert dorthin zu führen, wo es steht . . . Noch untersucht er nicht, wessen Werk die namenlose Pein, die Entrechtung . . . In „Alexander in Babylon" betritt Wassermann den Boden der Historie. Der dekadente König, in seinem Siegesrausche und seiner geheimen Qual, wächst in Wassermanns Darstellung zu einer Gestalt voll geheimen Leides und tiefster Tragik empor. In diesem Romane erfüllt Wassermann jene gewichtigste Bedingung des historischen Romans, die Flaubert in seinen Briefen an Saint- Beuve dahin erklärt: „Die Historie ist nicht dazu da, Geschichte zu lehren, sondern sie aufzuheben, sie wieder gegenwärtig, werdend zu machen. Ueber ihre Materie verfügt der Künstler wie ein Souverän . In grossen, kräftigen Strichen führt Wassermann das Leben Alexanders vor, seine Jugend, seinen unaufhaltsamen Siegeszug; in unseres Dichters Darstellung wird die Begegnung mit dem Jugendfreunde zu einem bedeutsamen Ereignis. Alles ist wie aus dem Tag, aus der unmittelbarsten Gegenwart geboren: Wassermann schildert nicht das Leben des grossen Toten, sein Alexander lebt, es ist Wirklichkeit, die der Dichter gibt . . . Und wie unsagbar fein sind die kulturellen Gegensätze herausgearbeitet, wie ergreifend der idiotische Halbbruder Arrhidäus hingestellt! Arrhidäus hat die Göttergabe der Phantasie, er träumt so kühn, wie Alexander handelt ... In seinen Träumen ist er der Herrscher, dieweil Alexander der Erde den Fuss auf den Nacken setzt! . . . Und der ganze Gegensatz dieser zwei Menschen ist am Schlüsse in eiuer Szene, in einem wuudersamen Vorgang festgehalten: Alexander ist tot, dem Idioten, dem Träumer fällt mit einemmale eiu unermessliches Reich iu den Schoss — da greift er zur Flöte und spielt sich ein Lied, sehnsüchtig und tratimverloren, indess seine Völker des neuen Köuigs, neuer Taten harren ... In dieser Szene allein offenbart sich ein wahrer Dichter. Nur wenige historische Romane der Moderne reichen an „Alexander in Babylon" heran, in keinem fand ich diese Fülle berauschender Farben. In seiner Eigenart ist dieses Werk den besten Romanen Flauberts an die Seite zu stellen. Wie ein Fortspinnen des Agathon-Motives mutet die Geschichte des lebenstollen und weltfremden Jünglings im Romane „Der Moloch" an. Wie ein stilles Sterben zieht es auch durch dieses Buch, und wenn auch Ort und Zeit deutbar sind, so spielen sich mich hier die Dinge „nicht im Greifbaren uud Wirklichen" ab. Vielleicht ist dieser Roman dem Epiker Wassermann zu breit geraten; in seiner Komposition, in seiner objektivierenden Darstellung und seinen eigensten Reizen weist er auf Balzac hin, dem ja der Dichter wesensverwandt ist. Neix n kleineren Arbeiten wie „Melusine", „Schläfst Du, Mutter?", dieser kleinen Geschichte ohne Handlung und dennoch tief bewegt, ist es besonders ein Novellenband, der Wassermanns eigenartiges Können zeigt: „Die Schwestern". Fremd sind sich die drei Frauen, fremd sind sie einander in ihrem Leben, ihren Schicksalen. Aber wie von einem zarten, dunklen Band umwunden, wie geboren aus einem heissen Schmerze muten sie an. Sie alle werden schuldig, nicht durch eigenes Vollbringen, sondern durch die geheimnisvolle Macht, die sie treibt uud zwingt, ihr Schicksal zu erfüllen . . . Und so heisst es am Schlüsse von „Sarah Malcohn'4: „Nicht im Wirklichen und Greifbaren spielt sich das entscheidende Leben der Menschen ab. Das Tiefste, woran der Sterbliche seine Seele bindet, ist Rauch, ist Traum ... So werden Glück und Unglück zu blossen Namen . . ." Eine müde Resignation klingt aus diesen Worten wie durch das Buch, ein ergebenes Verzichten, ein sanftes Verneinen . . . Dem letzten Werke des Dichters sah man mit grosser Spannung entgegen, nicht zum wenigsten wegen des Gegenstandes, den sich Wassermann diesmal erwählt. Kurt Martens hat vor nicht allzulanger Zeit das „Rätsel einer vergangenen Zeitk< dramatisiert, uud nun hat auch Jakob Wassermaun die Geschichte des „Kaspar Häuser', jenes rätselhaften Nürnberger Findelkindes, zum Gegenstande eines Romanos gemacht. Oft genug Jakob Wassermann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.