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Ost und West · 1908-12-01 · Heft 12 (Dezember 1908) · p. Seite 733 - 734

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 12 (Dezember 1908)
Article
Jakob Wassermann
Date
1908-12-01
Page
Seite 733 - 734 (sequence 2)
Language
German
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733 Max Schacherl: Jakob Wassermann. 734 „Jeder Dichter braucht Welt, wenn er nicht in Formeln erstarren will . . . Ich habe mich immer stark als Jude empfunden, nicht im Sinne des Gedrückten und Beiseitestehenden, sondern im Sinne des Besonderen, in der Blut wähl und Mischung; nicht im Sinne eines Menschen, der erst erobern muss, was ihm nicht gehört, sondern der in seinem Besitz eine Quelle der Freiheit und der Tradition findet." . . . Das erste grössere Werk, mit dem Wassermann hervortrat, das ihn als jüdischen Dichter zeigte, waren „Die Juden von Zirndorf1. Selten noch gelang es einem Romancier, wie es Wassermann gelang, mit seinem ersten Werke den grossen Wurf" zu vollführen. Ein lauter Erfolg, zu laut für diesen in sich gekehrten stillen Dichter. In den Juden von Zirndorf" lebt Wassermann inmitten seines Volkes, in diesem Eomane ist all das Leid und Klagen, all die Trauer und Freude unseres Volkes niedergeschrieben, sind Menschen und ihre Schicksale, traurige Visionen, hingezaubert von einem Dichter .... Das Einleitungskapitel zu diesem Eomane ist des Werkes schönster und packendster Teil. Hier führt uus der Dichter nach Franken, in die alte Judenstadt Fürth. Die Kunde von Sabattai Zewi ist nach Fürth gedrungen, Wanderpropheten tragen seine Worte von Stadt zu Stadt, von Land zu Land . . . Gläubig fliegen die Herzen der Unterdrückten dem Befreier entgegen! Und zerrissen sind die Bande der Ordnung und Sitte, in ivildem Taumel feiern die Frommen und die Glaubensverächter, die Jungfrauen und die Dirnen, Greise und Kinder die kommende Erlösung . . . Wie losgelöst von ihrem jetzigen Leben handeln und sprechen diese Menschen, Zeit und Baum sind ihnen entschwunden, sie streben dem Messias entgegen . . . „Nur der Himmel ist über ihnen, wo ist Kaum für ihre Seele?! ..." Wunderbar reich an packenden, szenischen Bildern, ist die Schilderung des Aufbruches der Juden von Fürth, die dem Messias entgegenziehen wollen. Wie ihnen dann in den Mühen der Wanderung Glaube und Hoffnung erlahmen, wie ihnen die Erkenntnis aufdämmert, dass der Weg nach Zion ein schwererer ist, als sie geträumt, — all das hat der Dichter hingezaubert, mit feinen Strichen festgehalten. Wie plastisch ist der Jammer, die Verzweiflung gestaltet, als die Wanderer erfahren, dass Sabattai Zewi zum Islam übergetreten! „Ihnen ist wie Eltern, die den einzigen, hoffnungsvollen Sohn verloren ..." Die da lebend hervorgehen aus dem Kampfe mit den Nürnberger Reitern, gründen in dem stillen Talflecken den Ort Zirndorf (Zionsdorf), das heutige Fürth in Franken. Der eigentliche Roman ist die Labensgeschichte des Agathon Geyer, eines Nachkommen der Messiasgläubigen. In Agathon Geyer bringt Wassermann den Typus eines modernen Juden, vielleicht des modernen Juden. Er kehrt in Wassermanns Werken oft wieder, er ist dem Dichter das Symbol eigenen Rassenleides, eigener Sehnsucht, Ein Gottsucher ist er; eine Gestalt, die in ihrer tiefgläubigen Religiosität ein Tolstoi hingestellt hätte; einer, der ifir seine leidenden Brüder den Gott der Erlösung sucht, und in seinem heiligen Kindesglauben zum Messias emporwächst ... Ein Jude, der seine Heimat sucht, der sich unablässig fragt: wo ist des Juden Vaterland? „Deutschland? ... Es war so freundlich, ihn zu dulden, er durfte dafür mitsingen . . Agathon Geyer wird zum Messias, und er muss endigen, wie alle Messiasse: verfolgt und gemieden, verzweifelnd an jene, die er retten wollte ... Er bleibt ein Suchender . . . Und dann gesellt sich ein zweites Schicksal zu ihm. Irgendwo wächst es heran, in weiter Ferne von Agathons Leben und Wirken, aber er muss es finden . . . Weil diese Erde, so gross und so weit, weil das Walten ihrer Menschen nur jenen fremd bleibt, die dem Mysterium des Lebens fremd gegenüberstehen ... In seinem reifsten Werke, in der „Geschichte der Renate Fuchs", zeigt Wassermann das weibliche Pendant zu seinem Gottsucher . . . Renate Fuchs ist das Judenweib von heute, mit dem grossen Wollen und der gebrochenen Energie, mit der mimosenhaften Empfindsamkeit, eine Einsame in einer Welt von Luxus und Reichtum, die das väterliche Haus birgt. So zieht sie in die Welt um zu suchen, wie Agathon hinauszieht ... Sie will frei sein, Agathon aber will der Befreier aller sein . . . Mann und Weib! . . . AVenn sie sich aber nach einem Leben voll Kampf und Mühen, Verzweifelnde ob der Menschheit Verzweiflung, finden, dann ist es ihnen, als wären sie den ganzen langen Weg vereint gegangen, als hätte sie ein Ziel geleitet. Er hat sie immer gekannt und gesucht, erkennt Agathon; um seinetwillen, den ich nicht kannte, zog ich in den Kampf des Lebens, fühlt Renate . . . Die Sterbestunde auf Schloss Helfenstein wird Agathon zur Stunde der Liebe, wird Renate zum Augenblick der Erfüllung . . . Agathon stirbt . . . Sie aber sieht von stolzer Höhe, hoch über dieser Erde und ihren Menschen ein neues Geschlecht heranziehen, kühn im Wollen, stark im Vollbringen . . . In beiden Romanen hat Wassermann neben den Hauptpersonen Menschen hingestellt, deren jeder einzelne des Dichters grosse Charakterisierungskunst bezeugt. Keine Gestalt tritt zurück, jede einzelne birgt so viel des Menschlichen und Eigenartigen, dass ihre Schicksale ergreifen müssen. Aber weit mehr als dieses Interesse überwiegt das an dem kulturellen Milieu, dem der Dichter in beiden Romanen ausserordentlich gerecht ward. Fragen der Zeit werden diskutiert, die sozialen Bewegungen unserer Tage wie unabsichtlich analysiert. Allerdings: von dem Hervortreten dieser oder jener Tendenz lässt sich bei einem Dichter wie Wassermann, der so legendarisch gestaltet, schwer etwas behaupten. Und gerade seine undefinierbare Stellung zum Judentum hat ihn bewogen, erst vor kurzem eine Neubearbeitung der „Juden von Zirndorf" vorzunehmen. Auch sein

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