Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1908)
- Article
- Jakob Wassermann
- Date
- 1908-12-01
- Page
- Seite 737 - 738 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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737 Max Schacherl: Jakob Wassermann. 738 wurde das Kaspar Hauser - Problem in den letzten Jahren erörtert; unserem Dichter konnte nur daran gelegen sein, den psychologischen Roman, gleichsam, die Geschichte der Seele zu schreiben. Und wieder ist es ein Anklingen an Agathon Geyer, wieder wird sein Held zum Typus des Suchenden, dessen der das Licht sucht und dennoch immer wieder in das Dunkel seiner zerrissenen Seele zurückkehrt ... In Wassermanns Darstellung wird der „interessante Fall" zu einem ergreifenden menschlichen Schicksal, zu einem Werke innerster, gewaltigster Tragik. Der Dichter hält sich wenig an die historischen Feststellungen, sie können ihm, dem souverän Schaffenden, nur Basis, Motiv, aber nicht bestimmender Zweck sein. An diesem Romane erkennen wir: es gibt kein Entrinnen, Judenleid und Judenschmerz werden dem Dichter der „Juden von Zirndorf" immer wieder zum greifbaren Symbol, Agathon zieht durch alle Werke .... Dieses jüngste Werk des Dichters zeigt uns, dass von einer Abgeschlossenheit seines Schaffens noch keine Rede sein kann. Ja, es weist bestimmt auf neue Wege des Künstlers. Doch auch er wird, im Banne eigenen, verschlossenen Leides stehend, den Weg suchen, in dessen Mühen Arthur Schnitzlers Roman entstanden: „Der Weg in's Freie." Noch ist Jakob Wassermann der durchaus objektivierende Künstler, noch mag es manchem scheinen, als stünde er seinen Gestalten persönlich fremd gegenüber, als scheue er sich zu sagen: wir Juden!... Gewiss ist er noch ein Schwankender, seine Auffassung des Judenproblems geht noch ins Mystische, Nebulose, noch fusst er nicht auf dem Eisengrunde selbstsicherer Anschauung über das jüdische Problem. Die Art aber, wie Carl Busse, der sonst so liebenswürdige Lyriker, Wassermann bekrittelt (Kritik ist es nicht zu nennen), bedeutet ein völliges Verkennen des Dichters. Busse raeint, Wassermann scheue sich, frei heraus sein Judentum zu bekennen. Dies ist ein rassentheoretiscker, aber kein kunstkritischer Ausfall, denn es ist eine kunstästhetische Forderung, dass der Dichter über den Dingen stehe. Wie sehr Wassermann der Dichter des modernen Juden ist, wie tief er dem neuen Juden in die Seele geschaut - er hat es bewiesen. Auch sein Weg, war ein Weg der Leiden und Entbehrungen. Ein mühsames Durchringen war es, ein verzweifelter Kampf um den Erfolg. Heute, wo der fränkische Jude eine hervorstechende Persönlichkeit deutschen Schrifttums ist, verspricht er noch weit mehr, als er erfüllt hat. Er bedeutet uns keine Erfüllung, aber eine Hoffnung, die grösste Hoffnung. Uns alle, ob wir es nun hinausschreien oder verschliessen, ob wir es auskämpfen oder verkennen, uns Alle bewegt ein Leid .... Es zehrt an unseren besten Kräften, und lässt uns im geheimen Kummer suchen und hoffen . . . Eine Sehnsucht lebt in uns Allen, die Hoffnung auf Befreiung aus jener Qual, die quälender ist, weil kleinlich, borniert . . . Wir suchen die Form für unsere Sehnsucht, wir suchen den Weg, der ins Freie führt . . . Wir harren des Dichters, der im Purpurgewande seiner Kunst der Welt unser Sehnen, unser Hoffen, unser Dulden zeigt, der uns den Weg weist . . . Arthur Schnitzler war eine Hoffnung. Der Dichter, der den Agathon Geyer geschaffen, der uns Renate Fuchs gezeigt, könnte die Erfüllung bedeuten .... Davids Totenklage um Saul und Jonathan. (II. 5amuel 1,19-27.) Liebersetzt von M. A. Klausner. Nachdruck verboten. □ Ruf Bergeshöhen, Israel, liegt deine Zier begraben, die Helden, die ohne Tadel und Fehl zum Sieg dich geleitet haben! Tut diese Trauermär nicht kund in Gat noch in Askalons Gasse, dass nicht der Philistertöchter Mund Preislieder ertönen lasse. Nicht Regen noch Tau, Gilboas Gefild, sollst je du wieder trinken — du sähest sinken den Ehrenschild, Sauls Schild zu Boden sinken! Er hatte ihn nimmer in Oel getaucht, in Blut nur der Feindesleichen; vom Blut der Philister hat geraucht Sauls Schwert nach gewaltigen Streichen. Unfehlbar traf des Jonathan Hand mit nie versagendem Bogen. — 0 Saul, o Jonathan, seiband seid ihr in den Tod gezogen. Sie waren schneller als Adlerflug und stärker als grimmige Leuen. — Ihr weinet, Israels Töchter, mit Fug um die Heldenfürsten, die treuen. Sie hüllten euch in Purpurgewand, sie schenkten euch Gold und Korallen, — jetzt hält sie des Todes bezwingende Hand ach Jonathan, du bist gefallen! Ach Jonathan, wie weh ist mir, du starbst in jungen Tagen! Dahin, dahin — mit Saul und dir ist der Kriegsgeist selbst erschlagen. □