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Ost und West · 1908-11-01 · Heft 11 (November 1908) · p. Seite 685 - 686

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 11 (November 1908)
Article
Die Berliner jüdische Lesehalle in ihrem neuen Heim
Date
1908-11-01
Page
Seite 685 - 686 (sequence 2)
Language
German
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C85 Josef Lin: Die Berliner jüdische Lesehalle in ihrem neuen Heim. 6S6 mit ihrem ganzen inneren Wesen eng verknüpfte Liebe zu ihrer Vergangenheit und zu ihrer Kultur inne. Politische und soziale Kämpfe haben bald in diesem, bald in jenem Teile der jüdischen Gemeinschaft die Stimme dieser Liebe zum Judentum übertönt, — ganz verstummt ist diese Stimme nie und nirgends. Und auch in der gegenwärtigen jüdischen Generation in Deutschland erscholl sie immer vernehmlicher und fand ein Echo auf den verschiedensten Gebieten geistiger Betätigung. Es sind Ansätze zu einer jüdischen Kunst geschaffen worden; die jüdische Wissenschaft ist am Beginne eines neuen Aufschwungs; überall ist ein Erstarken des jüdischen Bewusstseins bemerkbar; immer weitere jüdische Kreise befassen sich mit dem Studium des hebräischen Schrifttums und der jüdischen Geschichte und Literatur; in zahlreichen Gemeinden sind Vereine für jüdische Geschichte und Literatur und jüdische Bibliotheken und Lesehallen gegründet worden, die sich eines wachsenden Zuspruchs seitens der ver¬ Faktor. MJJx ■ Fi n f v Ein Lesesaal der Jüdischen Lesehalle. Zeitschriften-Abteilung. schiedensten jüdischen Kreise erfreuen. Voran geht dabei die zum bedeutendsten Zentrum jüdischer "Wirksamkeit gewordene Reichshauptstadt. Yon hier ging die neue Bewegung aus, und hier sind ihre Hauptträger. Der Verband der jüdischen Geschichts¬ und Literaturvereine ist von Berlin aus ins Leben gerufen worden und hac hier seinen Sitz und seine Leitung. In Berlin ist auch die erste jüdische Lesehalle und Bibliothek vor 14 Jahren gegründet worden, die dann vorbildlich für weitere derartige Institutionen im Eeich wurde. Die Gründung der Berliner Jüdischen Lesehalle fallt zeitlich und kulturell mit dem Beginne der neuen Epoche in der Geistesverfassung der deutschen Juden zusammen, und in ihrer Entwickelung widerspiegelt sich die Grundtendenz dieser Epoche: eine stetig aufsteigende Linie; eine allmähliche, aber ununterbrochene Entfaltung aus kleiuen Anfängen zu einem bedeutenden geistigen Anfangs eine geringe Anzahl von Werken und Zeitschriften in der Privatwohnung eines Wohltäters — jetzt 6500 Werke und 80 Zeitschriften in einem eigenen schönen und geräumigen Heim. Diese Gegenüberstellung charakterisiert das Wachstum/ der ersten jüdischen Lesehalle und Bibliothek in Deutschland, die aus dem Zeitgeist heraus entstanden ist und mit ihm zusammen in ihrer Entwickelung fortschreitet. Von der wachsenden Bedeutung der Jüdischen Lesehalle zeugt auch ihre stetig steigende Benutzung. So wurde sie im Jahre 1907 von über 24 000 Personen besucht. Die früher drei Stunden täglich betragende Lesezeit musste, um dem wachsenden Zuspruch Genüge zu leisten, unter Hinzuziehung der Abende auf mehr als das Doppelte ausgedehnt werden. Trotzdem reichten die alten Bäume nicht mehr aus; und die Verwaltung sah sich veranlasst, die Lesehalle und Bibliothek in diesem Jahre nach einem neuen, bedeutend grösseren Heim (in der Oränienburgerstrasse 58) zu verlegen. Das neue Heim enthält zwei grosse Räume für die Bibliothek und

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