Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Die Berliner jüdische Lesehalle in ihrem neuen Heim
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 683 - 684 (sequence 1)
- Language
- German
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683 684 Gesamtbild der Jüdischen Lesehalle und Bibliothek. DIE BERLINER JUEDISCHE LESEHALLE IN IHREM NEUEN HEIM. (Mit 4 Illustrationen.) Von Josef Lin. Nachdruck verboten Das letzte Viertel des vorigen Jahrhunderts brachte eine merkliche Wendung in der Kulturgeschichte der deutschen Judenheit. Hatte das XVIII. Jahrhundert den Juden in Deutschland das Streben nach allgemeiner Aufklärung und europäischer Bildung hinterlassen, so war das Erbe des XIX. Jahrhunderts für die deutschen Juden die Erkenntnis, dass eine Erstarkung des Judentums eine unbedingte Voraussetzung für die Stärkung der Judenheit sei. Die Motive dieser Erkenntnis waren zweierlei: innere und äussere. Erstens verbreitete sich immer mehr die Ueberzeugung, dass die Selbst wehr die beste Methode der Abwehr ist, dass die Eigenerkenntnis am sichersten zur Anerkennung durch Andere führt. Und in der Tat: gibt es wirksamere Waffen gegen die Feinde und Wider¬ Adolf Ginsberg, sei. And. Mitbegründer und Förderer der Jüdischen Lesehalle und Bibliothek sacher der Juden, als die Schätze der grossen jüdischen Geschichte und Literatur? Jener Geschichte, die wie die keines anderen Arolkes von so vielen leuchtenden Märtyrergestalten zu berichten weiss! Und jener Literatur, die von den lautersten sittlichen Bestrebungen und den höchsten menschlichenidealen getragen ist! Aus diesem Borne kann der Jude nie versagende Kraft schöpfen in seinem Kampfe gegen äussere Anfeindungen. Diese Erkenntnis ist in der letzten Zeit in immer weitere Kreise der deutschen Judenheit gedrungen. Der Kenner der jüdischen Psyche wird aber beobachtet haben, dass in diesem Erwachungsprozess nicht bloss äussere Motive wirkten. Trotz aller „Abfälle4* vom jüdischen Glauben wohnt der Judenheit in ihrer Gesamtheit ^eit jeher eine zähe Anhänglichkeit und eine