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Ost und West · 1908-11-01 · Heft 11 (November 1908) · p. Seite 659 - 660

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 11 (November 1908)
Article
Jüdische Religion
Date
1908-11-01
Page
Seite 659 - 660 (sequence 5)
Language
German
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659 B. Jacob: „Jüdische Religion". 660 heit fortsetzen." Sehr schöne Allgemeinheiten für eine Predigt, von der man nichts Konkretes verlangt Wie aber, wenn ein Kind so aufdringlich ist, eine positive Antwort zu verlangen: Herr Lehrer, darf man am Sabbat arbeiten oder nicht? Müssen wir die Speisegesetze halten oder nicht? Muss man am Jörn kippur fasten oder nicht? Muss man noch Tefillin legen oder nicht? Und wenn nicht, warum nicht? Warum entsprechen diese Gebote nicht mehr unserer Gesinnung? Mit welchem Rechte sind wir „Kinder einer andern Zeit"? Wie soll das zeremonielle Leben mit unserm Denken und Fühlen (das auch erst in seiner Berechtigung nachgewiesen werden müsste) in Einklang gebracht werden"? Hier hätte der Verfasser zeigen können, was er als moderner Theologe zu leisten vermag. Aber darum geht er herum wie um einen heissen Brei. In dem ganzen Kapitel über das Zeremonialgesetz erfährt man mit keinem Worte, was denn nun eigentlich das Zeremonialgesetz sei. So ziemlich das Einzige, was wir von dem Verfasser an positiv Jüdischem lernen, sind — die zwölf Monatsnamen, die gewissenhaft aufgeführt werden. Doch nein, er hat ja ein besonderes Kapitel über „Sabbate und Pesttage!" Aber auch diese werden dermassen kastriert, dass fast nichts übrig bleibt, als der öffentliche Gottesdienst und die Predigt. Zwar sagt er einmal, dass der Sabbat ein Tag „unbedingter Ruhe" sein solle, aber über das Pessachfest schlüpft er mit den Worten hinweg: auf diesen Bericht (2 M. 12 ff. 5 M. 163) gründet sich die biblische Vorschrift: „Sieben Tage hindurch sollt ihr ungesäuerte Brote essen", und am Jörn kippur vermeidet er sorgfältig das fatale Wort fasten. Der Verfasser wird sich also ohne Zweifel den Beifall der „weitesten Kreise" erwerben, wenn sie es ihm nicht etwa übelnehmen, dass er ihnen andererseits wieder vier andere Fasttage aufbürden zu wollen scheint, nämlich den 17. Tammus, den 9. Ab, den 10. Tewes und den 3. Tischri. Diese 4 Gedenktage sind nämlich (S. 116) als „Fasttage eingesetzt". Doch ist ja der Ausdruck immerhinvon der gebotenen Vorsicht. Was der Verfasser ferner von dem öffentlichen Gottesdienst (natürlich nur am Sabbat, nicht etwa auch an Wochentagen) und von der „im Mittelpunkt stehenden" Predigt sagt, mag ja für seine Gemeinde zutreffen, es aber als allgemeine jüdische Lehre und Notwendigkeit zu verkünden, ist eine lächerliche Ueberschätzung von Dingen, die für die Lehre und Uebung unserer Religion nur von untergeordneter und zufälliger Bedeutung sind. Was macht denn nun ein Jude, der allein am Orte wohnt, oder eine Gemeinde, die nicht so glücklich ist, einen Prediger zu besitzen, oder wenn Se. Ehrwürden im Bade weilt? Ja, dann steht es eben schlimm mit der Religion. — Hingegen von der Pflicht und Bedeutung der Forschung, welche im nachbiblischen Judentum (doch vergl. schon manche Psalmen) eine so hohe Wichtigkeit erhalten hat, spricht der Verf. gar nicht. Wie wenig der Verfasser von einem wirklichen Religionslehrer hat, das habe ich besonders schmerzlich bei der Lektüre des 6. Kapitels empfunden. Ich freute mich auflichtig, als ich die Ueberschrift las: Menschenschicksal und Gottvertrauen. Ein vortrefflicher Gedanke, diesen Gegenstand eigens zu behandeln. Ist er doch in der Tat ein Zentralpunkt biblischen Denkens! Aber wie sehr wurde ich enttäuscht. Nichts als Tiraden. Nichts vom Leiden als Strafe, als Prüfung, als Belastungsprobe für die Tragkraft der Seele, als Anregung zur Selbstbesinnung und Busse, als Bewährung, nichts von dem nur relativen Wert der irdischen Güter. Dergleichen wäre wertvoller gewesen als der kümmerliche „wissenschaftliche" Aufputz, den der Verfasser seiner Darstellung geben möchte. Wenn er einen Satz aus Jes. 40 if. zitiert, so versäumt er nie, den zweiten Jesaja als Urheber zu nennen. Wollte er aber schon auf der Höhe strenger Wissenschaftlichkeit stehend erscheinen, dann musste er auch noch den dritten einführen, und ganz unwissenschaftlich ist es gar, von dem mosaischen Gesetzgeber zu reden. Weiss der Verfasser denn nicht, dass es einen solchen gar nicht gibt, sondern nur J, E, D, P, R usw.? Dafür hat er seine Wissenschaftlichkeit durch ein Verfahren zu betätigen geglaubt, das ich nur als ein schlimmes Armutszeugnis bezeichnen kann. Die angeführten Bibelstellen sind nämlich der Uebersetzung von — Kautzsch entnommen (wofern sie nicht aus dem kurzgefassten Handkommentar zum A. T. von Marti o. ä. stammen). Das Judentum hat bekanntlich und zum Glück keine kanonische Bibelübersetzung. Es soll stets aus der ersten Quelle schöpfen. Wenn wir aber notgedrungen uns einer Uebersetzung bedienen müssen, und ein jüdischer Lehrer des Hebräischen nicht genügend mächtig ist, den Urtext selber zu übersetzen, dann sollte er sich schämen, für den jüdischen Religionsunterricht bei den Christen um eine Uebersetzung betteln zu gehen, da es genug Bibelübersetzungen von jüdischer Hand, namentlich des Pentateuchs, gibt, die, worauf es uns ankommen muss, in der Treue des Anschlusses an den Urtext bei weitem den Vorzug vor Kautzsch verdienen. Bei dieser Unselbständigkeit nimmt es denn auch nicht wunder, dass der Verfasser zahlreiche Bibelstellen gründlich missverstanden hat, wozu noch viele Fehlgriffe kommen, die er selbst mit Hilfe des Kautzsch hätte vermeiden können, wenn ihn nicht seine Vorliebe für die tönende Phrase und sein verkehrter Standpunkt verführt hätten. S. 6 beschreibt er, wie sich Jeremia ganz und gar als Prophet wusste, und fährt fort: schwere innere Kämpfe sind die ausbleiblichen Folgen, s. Jer. 20, 9. — Unsinn! Nicht die Folge seines prophetischen Bewusstsein, sondern der Anfeindungen von aussen. Dass der Verfasser (S. 12 f.) die Erzählung von Elia am Horeb völlig missversteht, insofern sie „uns ein „treues Bild" (?) von der Güte Gottes geben, wie sie in unserer

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