Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Jüdische Religion
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 661 - 662 (sequence 6)
- Language
- German
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661 B. Jacob: „Jüdische Keligioa". 662 Vorstellung leben soll" (man geniesse nebenbei diese gesehraubte und phrasenhafte Sprache) will ich ihm nicht zu schwer anrechnen, da es fast allgemein geschieht. Gott will den Elia nictt tadeln ob seines Eifers, sondern im Gegenteil loben und den gehetzten Mann durch frische Männer seines Eifers ablösen lassen. Der Sturm aber, das Erdbeben und das Feuer sind die Vorläufer der Gottesstimme (Schon "Wellhausen hat hier das Kichtige gesehen). Von Gottes Eifer und Strenge weiss unser moderner Verfasser überhaupt nichts. — Zu Gen. 1 sagt er (S. 17): so findet die jüdische Lehre von dem Wesen Gottes in der biblischen Schöpfungsgeschichte ihren schönsten (!) Ausdruck: „Gott ist der Heilige". Aber in Gen. 1 kommt nicht ein einziges Mal das Wort Heilig vor. Ebenso wenig in den 10 Geboten, die er alle aus dem Begriff der göttlichen Heiligkeit ableiten will. — Ganz falsch ist 5 M. 14,1, „Kinder seid ihr dem Ewigen eurem Gotte" verstanden (S. 18). Damit soll der Mensch zum Kind Gottes erhoben sein „das durch seine sittliche Kraft dem göttlichen Vater nahe steht". Man sehe den Zusammenhang. Und ein unlogischer Sprung ist es, wenn er fortfährt: „Und wie Kinder ihren Willen dem Willen des Vaters unterordnen, so müssen auch wir unsern Willen dem göttlichen Willen dienstbar machen". — 5 M. 30, 11—14 leitet er (S. 19) ein: Mose kennzeichnet damit die Bedeutung des göttlichen Wortes für die Bestimmung des Menschen! Und er schliesst: „in diesem mosaischen (nicht D?) Ausspruch ist uns der Weg gezeigt, der zum Ziele führt". „Das Streben nach sittlicher Vervollkommnung muss sich in Taten äussern." Das sei auch der Sinn des Gebotes: „Du sollst den Ewigen, deinen Gott lieben usw. (5 M. 65). Versuche er doch zu begreifen, wozu freilich nach seinem ganzen Buche wenig Aussicht ist, dass die Religion nicht mit Taten, mit Nächstenliebe und bürgerlicher Moral erschöpft ist, dass es noch etwas anderes gibt, nämlich eben die Liebe zu Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und aller Kraft. Vielleicht gelingt es ihm, sich den wahren Sinn dieses Wortes an unseren zahllosen Märtyrern von R. Akiba an, der den besten Kommentar dazu gegeben hat, klar zu machen. — Lev. c. 19 enthält nach dem Verf. S. 20 ff. die aus der Erkenntnis des heiligen Gottes fliessenden Pflichten gegen die Gesamtheit; eine gedankenlose Redensart. Nicht eine einzige Pflicht gegen die „Gesamtheit" ist darin genannt; er meint natürlich „gegen den andern". Und warum lässt er dann das Gebot über Schaatnes weg, desgleichen über die Frucht in den ersten Jahren, wenn er die biblische Religion darstellen will? — Falsch ist S. 22 die Erklärung des Satzes „ich bin der Ewige"; der Gesetzgeber will damit sagen, dass all die einzelnen Pflichten, die wir gegenüber unsern Mitmenschen (wie passen übrigens dazu v. 4— 8, 19, 23—28, 30-31?) zu erfüllen haben, aus der Erkenntnis des heiligen Gottes fliessen. S. Sifra, Raschi und die übrigen jüdischen Erklärer. — Falsch ist es, dass S. 25 mit 5 M. 5(4 die Sabbatsruhe begründet wird, vielmehr nur die des Viehs. Falsch S. 29, dass Arnos 524 zu den Wucherern 84—6 rede. — Falsch S. 30, dass Jesaja (diesmal der Erste) die Frevler 58—25 mit v. 16 auf ihr göttliches Urbild verweise, in dem Streben nach einer zusammenhängenden Darstellung reisst der Verfasser nämlich die verschiedensten Bibelstellen aus ihrem Zusammenhange, um sie in einen selbstgemachten zu bringen. — Unbegreiflich ist es, wie er S. 36 schreiben kann, die 10 Gebote schreiben nur vor, was wir zu unterlassen haben. Und das vierte und fünfte? — Ganz falsch ist S. 51 ff. die Erklärung von Abot 42. — Falsch verstanden S. 75 der Ausdruck „das Gute des Landes" Jes. 119, desgleichen S. 76, dass Jes. 57, in jenem bekannten Liede, (wem ist es so besonders bekannt? dem Schüler?) in dem er das Volk mit einem Weinberge vergleicht, das hereinbrechende Verderben mit dem sittlichen Tiefstande Judas begründet wird. Doch ist es unmöglich, alle Irrtümer und Verkehrtheiten des Büchleins, so wenig umfangreich es ist, ausführlich nachzuweisen, und schon längst höre ich den Vorwurf des Lesers, dass ich ihn und mich viel zu lange mit einem solchen durchaus minderwertigen Erzeugnis aufgehalten habe. Und dennoch war es dringend nötig, um einmal ein Exempel zu statuieren. Unser Unglück ist nicht so sehr, dass so wenig Tüchtiges und Gutes geleistet wird, als dass es an der heilsamen Kritik des Schlechten und Untüchtigen fehlt, das sonach nichts zu fürchten hat und sich in anspruchsvoller Selbstgefälligkeit spreizen kann, zumal wenn ihm eine geschickte Mache und Reklame zu Hilfe kommt. Wer über die Sätze dieses Buches ohne Prüfung dahinliest, meint, es stecke wirklich etwas dahinter, und schon die gleiche äussere Ausstattung, die es mit den in demselben Verlage erschienenen Bändchen „Wissenschaft und Bildung" gemein hat, könnte das Publikum zu der Meinung verführen, dass es hier eine Darstellung der „jüdischen Religion" aus berufener Feder erhält. Mindestens aber wäre es ein trauriges Zeugnis für den Tiefstand des jüdischen Religionsunterrichts und die Kritiklosigkeit jüdischer Religionslehrer, wenn sie sich ein solches „Lehrbuch" bieten Hessen. (Aue der „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" Hefi 7-8, herausgegeben von Dr. M. Brann, Breslau, Koebner't>che Verlagsbuchhandlung).