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Ost und West · 1908-11-01 · Heft 11 (November 1908) · p. Seite 657 - 658

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 11 (November 1908)
Article
Jüdische Religion
Date
1908-11-01
Page
Seite 657 - 658 (sequence 4)
Language
German
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€57 B. Jacob: „Jüdische Religion". 658 fahrt: und so sagen auch die Propheten . . wobei er nach Belieben weglässt, was ihm nicht in den Kram passt. Ich habe auch nichts dagegen, dass man dem modernen erwachsenen Menschen das gegenständlich Göttliche, dem er entfremdet ist, an dem parallelen psychologischen Vorgang nahezubringen sucht; wer aber dasselbe ganz unnötigerweise an Kindern probiert, vielleicht aus einem gewissen „Wahrheits"-Fanatismus, der zeigt, dass er nicht den mindesten pädagogischen Sinn hat und zum Lehrer verdorben ist. Denn was u. a. den Lehrer macht, ist die Fähigkeit, sich dem Passungsvermögen des zu Belehrenden anzubequemen. Diese Fähigkeit fehlt Herrn C. anscheinend gänzlich. Die Jugend (und das Volk) verlangen gerade nach Konkretem, nach Anschauung, und eben darum ist die Darstellungsform der Bibel die pädagogisch einzig zutreffende, ja dieses pädagogische Interesse erklärt mit ihre Entstehung. Wie mächtig muss es z. B. auf ein Kindergemüt wirken, wenn Gott dem Kain zuruft: Warum verdriesst es dich und ist dein Haupt gesenkt? Wenn du gut bist, kannst du dein Antlitz erheben usw. Bei dem Herrn Verfasser unseres Lehrbuches für Kinder, vernimmt Kain in seinem Innern eine Stimme: Man darf sogar sagen, dass, wenn die Bibel etwa in der Sprache des Herrn Coblenz geredet hätte, es umgekehrt die Aufgabe eines richtigen Lehrers wäre, sie in die jetzige zu übersetzen, also psychologische Vorgänge als äussere Geschehnisse darzustellen oder doch sie mit solchen zu vergleichen und dadurch deutlich zu machen. Das eben bedeutet: veranschaulichen. Ich habe schon oben ein Beispiel angeführt, wie wenig der Verfasser einen Begriff davon hat, was anschaulich ist. Anstatt für die Verdeutlichung der prophetischen Berufung etwa die greifbar deutliche und doch so erhaben-feierliche und tiefsinnige Schilderung Jes. c. 6 anzuführen, nennt er Jer. 14. Oder S. 6: Vielleicht treffen wir das Wesen der Offenbarung am besten, wenn wir sie mit den inneren Erlebnissen der grossen Denker und Dichter vergleichen. — Nun wissen es die Sextaner gewiss ganz genau. Eine prophetische Religion — um darauf zurückzukommen — kann das Judentum nur in dem Sinne genant werden, als Mose und die Propheten seine ersten Lehrer gewesen sind, und insofern jener das Fundament gelegt hat. Das Judentum ist das Resultat einer mehrtausendjährigen Entwicklung, in der die Propheten nur ein Glied sind. Es hat u. a. auch einen gewissen Talmud gegeben, von dem der Verfasser nur die Sprüche der Väter, die er einige Male zitiert, zu kennen scheint; es hat ferner einen gewissen Maimonides und manche andere für die Umbildung unserer Religion doch wohl nicht ganz bedeutungslose Denker und Lehrer gegeben. Freilich kann ein elementares Lehrbuch nicht alle Stufen darstellen, aber es darf sich auch nicht auf eine bestimmte in der Mitte festlegen. Das ist ja gerade das Zeichen einer Orthodoxie, zu der demnach gerechnet zu werden der Verfasser sieh wohl oder übel gefallen lassen muss. Allerdings, es ist für einen sich nicht zur landläufigen Orthodoxie zählenden Religionslehrer ganz besonders schwierig, positiv zu bestimmen, was an Lehren oder Vorschriften für veraltet zu gelten habe und warum, die Berechtigung oder den Wert einer neuen Auffassung darzulegen, eine Aufgabe, der Herr C. auch nicht entfernt gewachsen ist. Ich sage, p ositiv, denn in der Schule hilft es nichts, windige Phrasen zu machen. Da hilft kein Mundspitzen, da muss gepfiffen werden. Vor allem aber wird die konstitutive Bedeutung dei Propheten uugeheuer übertrieben. Ich warte darauf, dass mir auch nur eine einzige grundlegende religiöse Lehre nachgewiesen werde, die die nachmosaischen Propheten zuerst gefunden hätten, die nicht schon in der Thora des Mose stünde, die sie nicht (dies gegen den kritischen Einwand, dass die Thora nachprophetisch sei) als bekannt und anerkannt voraussetzten, so dass sie mit nichten als die Schöpfer unserer Religion zu gelten haben Diese Bevorzugung der Propheten ist eine Taktik der christlichen Theologie, die damit das zwischen Propheten und Jesus „zwischeneingekommene Gesetz" beiseite schieben möchten. Will man schon das Judentum nach einer bestimmten Epoche nennen, so kann es nur die erste, die grundlegende sein; das Judentum ist eine mosaische Religion. Das Judentum ist ferner von Mose her, die Tatsache mag jemandem bequem sein oder nicht, eine Gesetzesreligion, d. h. eine Religion, die konkrete Handlungen als verbindlich vorschreibt. Neun Zehntel, wenn nicht noch mehr, der gesamten religiösen Literatur, handelt von diesen Gesetzen. Dem Verfasser sind sie offenbar recht ungelegen. Er fertigt sie kurz als Zeremonialgesetz ab, und es ist ergötzlich, aber für die Beurteilung seiner Aufrichtigkeit bedenklich, den Eiertanz zu beobachten, den er dabei aufführt. Wir müssen, meint er bedeutsam (S. 98) die Zeremonialgesetze — nun was? etwa halten? O, nein! wir müssen sie in ihrer Bedeutung würdigen, d. h. wir dürfen darüber predigen! Wir sollen sie ferner nicht missachten, und ihre Bedeutung nicht unterschätzen. Alles, nur beileibe nicht sie halten. „Aber sie können diese Bedeutung nur so lange halten, als sie der lebendige Ausdruck unseres religiösen Denkens sind. In dem Augenblicke, in dem sie unserer Gesinnung nicht mehr entsprechen, verlieren sie ihre wirkende Kraft, und mancher fromme Brauch, der unsern Vätern ein schönes Sinnbild der religiösen Ideen war, ist uns, den Kindern einer andern Zeit, innerlich fremd geworden. Wo uns das zum Bewusstsein kommt, hat die Glaubensgemeinde auch heute noch das Recht und die Pflicht, die religiöseForm zu ändern. Das zeremonielle Leben muss mit unserem Denken und Fühlen in Einklang gebracht werden. Die Gegenwart muss durch die Weiterentwicklung der religiösen Formen die Arbeit der Vergangen-

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