Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Jüdische Religion
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 655 - 656 (sequence 3)
- Language
- German
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655 B. Jacob: „Jüdische Religion". 656 Da muss man denn nun sagen, dass der Verfasser schon durch den allerersten Satz sein ganzes Werk verpfuscht hat. Die erste Betrachtung ist nämlich überschrieben: Die jüdische Religion — eine prophetische Religion, und danach wird nun durchgehends das Judentum dargestellt. In der neueren alttestamentlichen Wissenschaft bedeutet der Ausdruck „prophetische Religion" die Religion, die die Propheten gehabt haben, und die der „mosaischen" Thora vorangegangen sein soll. Wie aber der Verfasser ihn anwendet, hat er entweder gar keinen oder einen gründlich irreführenden Sinn. Denn zuerst setzt er auseinander: als die Verkünder der Lehren und Wahrheiten des Judentums gelten uns (was soll diese Phrase? sind sie es, oder sind sie es nicht?) die Propheten, und schliesst: „das Judentum ist mithin eine prophetische Religion, denn Propheten sind die Schöpfer und Träger seiner höchsten Ideen". Das ist ungefähr dasselbe, als wenn er definiert hätte: „das Judentum ist eine Religion, die von ihren Gründern gegründet worden ist". Jedoch im folgenden will er uns belehren, was für Männer die Propheten waren, und dass ihre Religion die unsrige sein müsse. Dabei zeigt er zunächst eine völlige Unwissenheit über das Wesen der Propheten, deren Schriften er nicht einmal vollständig zu kennen scheint. Die Propheten seien keine Vorhersager zukünftiger Ereignisse gewesen. Schon das ist gröblich falsch. Zahllos sind die Aussprüche, in denen sie künftiges vorhersagen. Noch verkehrter ist es hierbei, 5. M. 13, 2 —5 anzuführen, weil „durch diese Stelle die Auffassung, als ob nach den Worten der Bibel die Propheten hauptsächlich (mit einem Male wieder eine Einschränkung!) Wahrsager gewesen seien, widerlegt" werde. Die Stelle ist nur ein Beweis dafür, dass vorhergesagte und eintreffende Ereignisse noch nicht die Wahrheit einer prophetischen Sendung beweisen. Wenn der Prophet zugleich Abfall von Gott predigt, so ist ertrotz des Eintreffens seiner Vorhersagungen ein falscher Prophet. Doch hören wir den Verfasser weiter! Mit gesperrtem Druck (durch den er, nebenbei bemerkt, fast das halbe Buch ausgezeichnet) offenbart er: „Entscheidend für die Anerkennung des Propheten ist einzig und allein (!) der sittliche Charakter seiner Persönlichkeit, der sich in seinen Worten und Handlungen kundgeben muss". Als Prophet des Ewigen wurde nur anerkannt, wer im Namen Gottes die reinste Sittlichkeit lehrte und sie auch von den Menschen forderte. — Nun fehlt es in der Bibel keineswegs an Stellen, wo die Anerkennung eines Propheten in Frage steht. Ich wähle den Propheten Jeremia, der nach Coblenz „als der grösste Piophet nach Mose bezeichnet wird" (von wem? von der Bibel? oder etwa weil er von den Herren Cornill und Lazarus protegiert wird? Zugrunde liegt diesem schiefen Urteil der Umstand, dass uns Jeremia am häufigsten einen Blick in sein Inneres gewährt und wir am meisten von seinen Schicksalen erfahren). So soll Jeremia c. 26 getötet werden, weil er fälschlich im Namen Gottes den Untergang Jerusalems und des Tempels weissage. Ein heftiger Streit erhebt sich für und wider den Propheten. Aber weder er selbst noch seine- Verteidiger, noch seine Angreifer "berufen sich mit einer Silbe auf seine oder seiner Vorgänger sittliche oder unsittliche Qualitäten als Erweis oder Widerlegung prophetischer Sendung. Oder c 28 tritt dem Jerimia ein anderer Prophet, Chananja, entgegen. Jeder weissagt das Gegenteil vom andern. Aber wiederum wird die Entscheidung, welches der echte Prophet sei, nicht nach der Moralität der Personen getroffen. Jeremia selbst sieht das Merkmal des wahren Propheten darin, dass er zunächst Unheil weissage. Findet er alles schön und gut und redet von Frieden, dann ist erst abzuwarten, ob der Ausgang ihn rechtfertige. Wras die Propheten beschäftigte, war nicht nur der moralische Lebenswandel des Einzelnen, sondern vorzüglich das Geschick ihres Volkes, sie waren religiös-sittliche Politiker, von denen der heutige Kinderlehrer zwar lernen soll, die aber doch auf höherer Warte standen als auf dem Katheder der Schulstube und selbst der Kanzel der Alltagsmoral. Nach Coblenz wäre jeder Prediger, gegen dessen Lebenswandel nichts einzuwenden ist, ein „Prophet des Ewigen". Die „Religion der Propheten" setzt ein israelitisches Volkstum, einen israelitischen Staat (in Gegenwart oder Zukunft) voraus und kann nur durch bewusste oder unbewusste Täuschung mit „unserer" Religion gleichgesetztwerden. Am allerwenigsten hat unser Verfasser mit seinen Ansichten ein Recht dazu. Es wird wohl kein Kundiger bestreiten, dass Gott allen Propheten ohne Ausnahme ein ausserweltliches, reales, persönliches Wesen ist, das die Welt regiert und in ihren Gang eingreift, das sich real offenbart, das lohnt und straft. Der Verfasser als moderner ungläubiger Mensch glaubt an derartiges natürlich nicht, sondern deutet es, wo es geht, als lediglich psychologischen Vorgang im Innern des Menschen. Dem Propheten wird nichts offenbart, er erlebt es innerlich, er erkennt es, er denkt es sich, sein sittliches Bewusstsein sagt es ihm. Alle Propheten, alle Lehrer des Judentums aller Jahrhunderte würden sich wie ein Mann gegen einen Satz erheben wie: Sittengesetz und Naturgesetz, Versündigung und Schicksalsschläge haben nichts mit einander zu tun (S. 56 f.) Oder: „Gott richtet über die Menschen". Das ist so aufzufassen: unser sittliches Bewusstsein richtet über unser seitheriges Leben, das Göttliche in uns ist der Richter über unsern Wandel. — Danach muss man sich fragen, ob es nach Coblenz überhaupt noch einen wirklichen Gott gibt. Zu tun hat er jedenfalls bei ihm gar nichts. Jedoch ich bestreite dem Verfasser nicht das Recht, persönlich solche Ansichten zu hegen. Aber es ist eine grobe Fälschung, seine Religion für die der Propheten auszugeben. Dass er dies durchgängig tut, zeigt schon der Umstand, dass er in der Regel erst erzählt, was „wir" glauben, und dann fort-