Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 11 (November 1908)
- Article
- Jüdische Religion
- Date
- 1908-11-01
- Page
- Seite 653 - 654 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- OCR quality
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653 B. Jacob: „Jüdische Religion". 654 S. 80 ff, was direkt einer Kriegervereins-Festrede entnommen sein könnte, u. ö. Ein dem Verfasser besonders liebes Schlagwort, das er aber falsch anwendet, ist z. B. das Modewort „Weltanschauung". So sagt er S. 2: Die prophetische Weltanschauung werde „kurz und erschöpfend" von Micha 6, 8 in die Werte zusammengefasst: „was fordert der Ewige von dir, ausser Recht zu tun, Liebe zu üben und demütig zu wandeln vor deinem Grotte?" — Eine Weltanschauung ist z. B. das Kopernikanische System oder die Philosophie Spinozas. Das Wort Michas gibt höchstens eine Lebensauffassung, aber keine Weltanschauung, geschweige denn eine „erschöpfende". Aber der Verfasser liebt solche Häufung von Beiworten, ob sie nun passen oder nicht, wenn sie nur klingen: z. B. „stille, ernste Arbeit", „nicht besser und klarer", „anschaulich und lebendig". Seine Vorliebe für die Phrase reisst ihn oft zu Sätzen hin, die geradezu komisch wirken. S. 78 soll Jithro dem Mose den Rat gegeben haben, eine geordnete Verwaltung einzuführen, und wenige Sätze weiter ist daraus sogar schon eine geordnete Verfassung und Verwaltung -geworden. Oder S. 81: Als 130 Jahre später die nationale Selbständigkeit Judäas durch die römische Weltmacht auf immer vernichtet wurde, als die Juden ihre Heimat verliessen und in anderen Ländern eine neue Heimat suchten und fanden (wirklich?), da begleitete sie als schönstes Erbe die Erinnerung an die Tapferkeit der makkabäischen Helden! — Die Absurdität solcher pathetischen Ausrufungen (man vergleiche auch noch den folgenden apologetischen Erguss S. 82) brauche ich keinem Geschichtskundigen auseinanderzusetzen. Als die Juden nach 70 p. ins Exil gingen, haben sie in Wahrheit von den Heldentaten der M.ikkabäerungefähr so viel gewusst, wie von der Schlacht bei Marathon. Oder S. 77 „der treueste Patriot ist der, der in redlicher Arbeit seiner Pflicht lebt ... der einfache schlichte Mensch, der in seinem Berufe treu ist usw. steht mit diesem Patriotismus dem vaterländischen Wirken selbst des angesehensten Bürgers in nichts nach. — Sittlich hochstehende Persönlichkeiten sind immer zugleich gute Staatsbürger". — Oder Tiefsinnigkeiten wie diese: „Wer sittlich zugrunde gegangen ist, der muss schwer gesündigt haben. (S 56). — Volk und Staat können nur gedeihen, wenn die Voraussetzungen erfüllt, werden, ohne die kein Gemeinschaftsleben möglich ist (S 74). — Jeder Staat bedarf der Gesetze, die seinen Bestand sichern (S 79). — Tapferkeit in der Stunde der Gefahr gereicht dem, der sie übt, immer zur Ehre" (S. 87) u. d. m. — Manche Sätze reden ^anz den Jargon parteiloser oder regierungsfrommer Zeitungsblätter: S. 77. „Die Propheten wussten, dass ein Staat nur gedeihen kann, wenn die Gegensätze zwischen arm und reich durch das friedliche Zusammenwirken aller gemildert wurden, und deshalb haben sie stets ihr bestes Können für die Hebung der unteren Volksklassen eingesetzt." Man denke sich ferner z. B. folgende Sätze einem Sextaner vorgetragen (S. 6): „Jeremia ist also von seiner prophetischen Bedeutung so sehr durchdrungen, dass in ihm die Ueberzeugung reift, schon vor seiner Geburt sei er von Gott zum Propheten bestimmt gewesen. Und er weiss sich so ganz eins mit seinem Gotte, dass sich alle andern Gedanken und Gefühle, die in ihm leben, diesem prophetischen Bewusstsein unterordnen müssen." Oder folgende Philosophie, deren Logik und Tiefsinn auch ich nicht folgen zu können gestehe (S. 13): „Mit der Erkenntnis der göttlichen Heiligkeit ist für uns zugleich die Ewigkeit und Einheit Gottes gegeben. Hrilig kann nur ein Wesen sein, das ewig, unwandelbar dasselbe bleibt, Menschen sind nicht heilig, weil ihre wandelbare veränderliche Natur sie nicht vollkommen sein lässt. Heilig ist nur der ewige Gott. Und seine Heiligkeit hat auch seine Einheit zur Voraussetzung. Denn Heiligkeit ist etwas Ungeteiltes. Wir verstehen darunter die Summe aller sittlichen Eigenschaften in ihrer höchsten Vollendung. Nur das Wesen kann sie besitzen, dass wir als ewige Einheit verehren . . . usw. usw." Ich würde es für eine besonders grausame Strafarbeit halten, wenn man einem Sextaner oder Quartaner aufgäbe, diese Sätze auch nur zu lesen, geschweige denn zu lernen. Es ist merkwürdig, dass dem Verfasser jedes Gefühl dafür abzugehen scheint. Da ist mir denn doch noch die steifleinene Manier der alten Religionsbücher lieber, wenn die z. B. sagen; Gott ist einzig..., Gott ist ewig..., Gott ist allmächtig . . . Vergeblich sucht der Verfasser die über der tötlichen Langeweile dieser Nachmittagspredigten einschlafenden Zuhörer oder Leser durch allerlei pathetische Ausrufungen aufzurütteln. Besonders fühlt er sich verpflichtet, biblische Zitate mit irgend einem rührenden Beiwort einzuführen, womöglich im Superlativ, auch wenn er gar nicht angebracht ist. (S. 5)- Am anschaulichsten wird uns diese hohe Auffassung des prophetischen Berufes von Jeremia geschildert: „Das Wort des Herrn erging an mich wie folgt: Bevor ich dich bildete, habe ich dich erkannt; bevor du geboren warst, habe ich dich geweiht; zum Propheten der Völker habe ich dich bestimmt". - Zufällig ist grade diese Stelle besonders unanschaulich. — Wie schön! — Wie anmutig! Wie lieblich! — Wie poetisch schwungvoll! — Jener unvergleichlich schöne Satz! — Ein herrliches Zeugnis! — Das glänzendste Zeugnis! — Welche Töne sittlicher Entrüstung! — Eine vollendete Darstellung! — Ergreifende Anschaulichkeit! — Seinen gewaltigsten Ausdruck findet . . . Am reinsten spiegelt sich der Gedanke. — Und dann das Verhältnis zwischen Gatte und Gattin! — Man braucht nur zu denken an . . . Es sei hier nur erinnert usw. usw. Aber alles dies wird durch die Missgriffe übertroffen, die der Verfasser begangen hat, wo sich sein pädagogisches Ungeschick mit seiner theologisch-wissenschaftlichen Unzulänglichkeit paarte.