Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Ein Beth-Hamidrasch
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 617 - 618 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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617 Schalom Asch: Ein Beth-Hamidrasch. 618 Kinder. So lebt es weiter mit seiner Gemeinde. Stirbt ein Geschlecht und kommt ein neues, so lebt das alte Hamidrasch mit dem neuen Geschlechte, und immer so weiter mit den jungen Nachkommen, als wäre es eine alte Muhme mit vielen Enkeln, eine alte Muhme, die unter ihrer breiten Schürze ihre Enkelchen schützend hält.. Eine wundersame Eigenschaft hat das Beth-Hamidrasch: kaum ist man durch seine Pforte gegangen, so ist schon der bitterste Hunger vergessen und alle die Leiden des Lebens. So geht es durch die Jahrhunderte. Geschlechter kommen und gehen und finden ihre Zuflucht im Beth- Hamidraseh. Und jedes Geschlecht lässt ein Zeichen seiner Leiden zurück, und ein Stück nach dem andern von den silbernen heiligen Geräten wandert ins Leihamt . . . Jedes Geschlecht erzählt ihm seine Schmerzen, ALFRED WOLMARK. Die Gelehrten. vergiesst seine Tränen hinter dem Vorhang der heiligen Lade. Aber wie eine mitleidige Mutter ist das Beth- Hamidrasch: es trocknet die Tränen von dem Antlitz seiner Kinder. Weint doch nicht, auch euren Eltern ist's einst so gegangen! Und es scheint, als wären all die Tränen der Armen in die Ziegel hineingeknetet worden. Vielleicht steht das Beth-Hamidrasch auch deshalb so lange schon . . . Zuweilen erscheint das Beth-Hamidrasch, wie es so zwischen den kleinen armseligen, eingefallenen Häuschen im Orte steht, wie eine Leuchte in der Verbannung — ein Jude mit einem langen weissen Barte und einer Pfeife im Munde — und alle die Häuschen herum vertrauen auf ihn. Und nachts, wenn die Welt umher so friedlich daliegt und in der Höhe der Mond zwischen den Wolken durch die Lüfte schwebt und von der Höhe ins Gässchen hinabblickt, dann erzählt das Beth-Hamidrasch wie ein alter erfahrener Krieger den armseligen Häuschen Geschichten aus früheren Tagen ... In einem Winkel des Beth- Hamidrasch brennt still ein Lämpchen — die ewige Lampe. Immer brennt sie, bei Tag und bei Nacht, im Sommer und Winter; wer kennt die Hände, die sie einstmals angezündet? Und wer kennt die Hand, die sie einst verlöschen wird? . . . Bei Nacht erscheint der Lichtstrahl, der durch die Scheiben aus dem Beth- Hamidrasch dringt, wie ein leuchtendes Auge in einer dunklen Stirn. Und von alten Geschichten erzählt dies Auge. Aus alten Zeiten. * * * Wenn die Kinder ins Cheder gehen, in der Frühe, und wenn sie heimwärts gehen am Abend, stellen sie sich einen Augenblick vor das Beth-Hamidrasch und sagen in kindlicher Laune: Nicht! Es ist höher gewachsen als eine Erbse. Die Kinder sind alte LONDON. Männer geworden. Die Alten sind gestorben. Und ein