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Ost und West · 1908-10-01 · Heft 10 (Oktober 1908) · p. Seite 615 - 616

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 10 (Oktober 1908)
Article
Ein Beth-Hamidrasch
Date
1908-10-01
Page
Seite 615 - 616 (sequence 2)
Language
German
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615 Jeder hat seinen Anteil daran. Und jeder der Ahnen hat einst zur Erinnerung für die späteren Geschlechter einen Ziegelstein hineingemauert.. . Und wenn der Abend sich niedersenkt, zündet der Diener die sechs Lichtchen an des Vorbeters Betpult an. Draussen ist es kalt. Daheim sitzen Weib und Kinder und hungern. Und die Männer flüchten sich ins Beth- Hamidrasch. Jeder sitzt an seinem Platze, und wahrlich! im Beth Hamidrasch vergisst man des Hungers so leicht. Ein Heim ist das Beth-Hamidrasch für jeden Juden: ein Nachtlager all denen, die nicht wissen, wo sie ihr Haupt betten sollen. Ein gastliches Dach für jeden Heimatlosen, mag er aus unserem Städtchen sein oder ein Fremder . . . Was ist der Unterschied? Heut nächtigen die Kinder eines fremden Beth-Hamidrasch hier, und morgen wird vielleicht unter dem gastlichen Dache eines Beth-Hamidrasch der Fremde ein Kind unseres Städtchens sich betten, wenn es sich im Elend verirrt hat . . . Allen ist das Beth-Hamidrasch geöffnet, die es suchen. Wahrlich! Sein Reichtum und seine Pracht schrecken gerade keinen ab. Wie anheimelnd sind gleichwohl seine vier armseligen schwarzen Wände! Seine dunkle verrauchte Decke blickt dich an wie die Balken aus deiner Mutter Stäbchen, wo deine Wiege stand. ALFRED WOLMARK. LONDON. Dr. FurnivalL 616 ^Jr ALFRED WOLMARK. LONDON. Lord Ronald Sutherland Gower. Die Fenster sind verstaubt. An der Ostwand steht die alte heilige Lampe mit den beiden alten Löwen, und vor dem Laden hängt ein Vorhang in verblichenen Farben und mit zerschlissenen Davidsternen. Und neben der Lade steht ein hohes Vorbeterpult mit einer alten zerbrochenen Menorah, und auf dem Pulte sind die Namen der Kranken im Städtchen mit Kreide aufgeschrieben. Und von den armseligen Regalen mit den heiligen Büchern schwebt Staub empor in die Luft des Beth-Hamidrasch. Und wenn ein Jude ins Beth-Hamidrasch kommt, dann vergisst er die Nöte, die er daheim gelassen, die bitteren Leiden: sein tägliches Geschäft. So steht das Beth-Hamidrasch all die Jahre und Tage schon und lebt in stiller Eintracht mit seiner Gemeinde. Flüchtet einmal ein Bub aus dem Cheder, dann läuft er ins Beth-Hamidrasch und versteckt sich hinter dem Kasten, in dem die zerrissenen Blätter alter frommer Bücher liegen. Will jemand dem Jammern seiner hungernden Frau, seiner hungernden Kinder entrinnen: so rettet er sich ins Beth-Hamidrasch, als könnten die schwarzen Wände dort ihn trösten: So hat's dein Vater auch schon gemacht . . . Selbst der Stadtdieb, der das ganze Jahr über den Rabbi mit der Drohung ärgert, er würde sich beim Pfarrer taufen lassen, sucht in schlechter Zeit im Beth- Hamidrasch seine Zuflucht. Alle nimmt das Beth- Hamidrasch in Liebe bei sich auf: sind doch alle seine Schalom Asch: Ein Beth-Hamidrasch

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