Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- 50 Jahre Gleichberechtigung in England
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 611 - 612 (sequence 3)
- Language
- German
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611 A. Hooman M. A. (London): 50 Jahre Gleichberechtigung in England. 612 servativen wußten sehr gut, dass die Anerkennung der politischen Rechte auch deren faktische Gewährung bedeute. Sie wussten, dass es nicht angehen wird, den Juden die Ausübung ihrer Rechte zu erschweren. Papieme Rechte kennt England nicht. Und weil die „High- Church"-Männer von der Anschauung des christlichen, protestantischen Staates ausgingen, wollten sie um keinen Preis die Emanzipation gewähren. Sie fürchteten — ob im Ernst oder nur zum Vorwand — die „ Judaisation" oder vielmehr die „Dechristianisation" Englands. 1829 wurde die Emanzipations- Kampagne offiziell eröffnet. An die Spitze traten Israa Lyon Goldsmid, Baron Lionel de Rothschild, Barnard Van Oven und David Salomons. Von diesen Kämpfern sind die prominentesten und ausschlaggebenden Baron Rothschild und Sir David Salomons geworden. Es waren die Spitzen der neu-englischen Judenheit, die die alte sephardische jüdische Aristokratie ersetzten. Von Anfang an waren an ihrer Seite hohe Würdenträger, Parlamentarier von grossem Einfluss, leitende Männer Englands und des Liberalismus. Lord Holland, Marquisof Landsdowne, Lord Besley traten schon zu wiederholten Malen als Sachwalter der jüdischen Rechte auf. Aber der eigentliche Feldzug war von Robert Grant eröffnet, der am 15. April 1830 im Hause of Commons die erste formelle Bill of Jewish emanzipation einbrachte. Es entspann sich gleich darauf eine heftige Debatte, bei der Sir Robert Inglis, der Vertreter der High-Church-Partei, ein Gegner aller Zugeständnisse an die Nonconformisten, sich sofort in geharnischte Opposition gegen den Antrag stellte und es als eine „unerhörte geschichtliche Monstrosität" bezeichnete, dass man in einem „christlichen Staate Nicht-Christen politische Macht verleihe". Einen fromm-intoleranten Standpunkt vertrat gleichfalls Spencer Perceval. Als Wortführer der jüdischen Emanzipation zeichneten sich von Anfang an Thomas Macaulay, der schottische Phiosoph Sir James Mackintosh, Sir Stratford Canning, Lord Holland u.a. aus. Die Bill drang in der ersten Lesung durch. Wenn wir die „Times" von damals nachschlagen, finden wir darin einen leitenden Artikel, der der Bill gewidmet ist. Diese Äusserung ist charakteristisch. Die „Times" nennt den Antrag Grant's eine „burlesque of the great measure of the Session", und behauptet, die Juden müssen/- wenn ihre Traditionen wahr sind, wenn ihr Schrifttum einen Wert hat, Fremde und Ausländer in jedem Lande, in dem sie wohnen, sein". Später war die „Times" als „Judaeo-City"-Blatt bekannt. Die Zeiten ändern sich. Der Jubel der Emanzipationisten war verfrüht. ALFRED WOLMARK. LONDON. Professor Cook Wilson. In der zweiten Lesung fiel die Bill im Unterhause durch. Peel kämpfte gegen Brougham und den irischen Führer Daniel O'Gonnel. Robert Peel vertrat den konservativen Standpunkt und erklärte, die Judenemanzipation im Sinne des Antrages sei eine „Abweichung von dem jahrhundertelang anerkannten Grundprinzip der britischen Konstitution". Nichts neues — quieta non movere — war sein Standpunkt. In einer meisterhaften Rede widerlegte ihn und seine Staatskonzeption der berühmte Lord Brougham. Aber Peel siegte — die Bill wurde verworfen mit einer Majorität von 68 Stimmen. Jedoch der Stein war einmal ins Rollen geraten, und die Führer der englischen Judenheit waren nicht kleinmütige Menschen, die sich von einem Misserfolge hätten abschrecken lassen. Sie hatten die liberale Partei und die Regierung für sich. 1833 brachte der unermüdliche Grant die Vorlage wiederum vor das Parlament, „that it is expedient to remove all civil disabilities at present affecting his Majestys subjects of the Jewish religion, with the like exceptions as are provided with reference to his Majesty's Subjects professing the Roman Gatholic religion". Der parlamentarische Kampf begann aufs neue. Auf Seite der Gegner stellte sich Gladstone