Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- 50 Jahre Gleichberechtigung in England
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 609 - 610 (sequence 2)
- Language
- German
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609 A. Hooman M. A. (London): 50 Jahre Gleichberechtigung in England. 610 \ ALFRED WOLMARK. William Poel. Volkes Ausdruck gegeben.. Es wird dort ein „Auszug" aus dem „Hebrew Journal" nach hundert Jahren (also 1854) mitgeteilt, in dem es heißt: „Vorige Nacht wurde die Bill für die Naturalisation der Christen im Sanhedrin mit einer großen Majorität abgelehnt." Und ferner: „Um zwei Uhr morgens starb in seinem Hause im Grosvenor Square der „Right Honorahle Earl of Balaam, Baron of Zimri und Knight of the mos! Noble Order of Melchisedek". Übrigens sind schlechte Witze oft gute Prophezeiungen. Denn im Jahre 1854 konnte man wirklich schon Juden in England finden, die, wenn auch nicht „Earls" und „Knights von Balaam und Melchisedek" waren, aber wohl erste englische Adelsprädikate trugen. Die Juden waren im großen und ganzen frei und unbelästigt, jedoch litten sie unter den verschiedenen, von der Willkür der betreffenden Magistratsbehörden diktierten Beschränkungen. Sie waren von vielen Laufbahnen ausgeschlossen, konnten nicht Advokaten werden, in der Armee oder Marine dienen, kein Amt in der städtischen oder Kronverwaltung annehmen, ja sie durften nicht einmal im Weichbilde der City of London Kleinhandel treiben. Aber, da die antijüdischen Maßregeln nicht kodifiziert waren, so war es nicht schwer, sie allmählich zu beseitigen. Und in der Tat, ■ in den ersten Dezennien des 19. Jahr- ■ hunderts verschwanden unter dem Einfluß HH^^H der neuen liberalen Ideen, die die Eman- H zipation der Katholiken, der Dissenter, I die Abschaffung des Kornzolls zur B Folge hatten, fast unmerklich die Be- H schränkungen der Bürgerrechte der Juden. HB|^Hi Die englische Judenheit, die früher aus ■ zwei beinahe feindlichen Lagern bestand, ^^HIH| den Sephardim und den Aschkenasim, ■ von denen die ersteren ihren spanisch- I portugiesischen Traditionen treublieben, ■ und auf die „Tudescos" verächtlich hinab- ■^HH schauten, wurde einheitlicher, bildete I sich zu einer englischen Juden- I heit heran. Männer wie David Ricardo, I Isaac D'Israeli u. a., bewiesen, wie ein- I schneidend die englische Kultur auf die HHH Juden gewirkt hat, und waren beredte ^^HKHB Zeugen für Ebenbürtigkeit der englischen I Juden. Allmählich wuchs die Eman- H zipation der Juden in England zu einer H Staatsnotwendigkeit heran. Denn die I englischen Staatsmänner waren praktisch- I klug und einsichtsvoll genug, um sich H^^^Hh der Erkenntnis nicht zu verschliessen, ^^^■^B dass die Freiheit in einem Lande nicht ^B^^Hl gesichert sei, solange einem, und wenn B^^^H^E auch einem noch so geringen, Teile der ■ Bevölkerung ungerechterweise Freiheit I und Bürgerrechte vorenthalten werden. ■HH|^I Umsomehr einem so nützlichen und streb- ^^MB samen Teile — wio es die jüdische Be- TONDON völkerung Englands war. Dagegen sträubte sich das Gefühl der absoluten Gerechtigkeit der Engländer — und auch sein nüchterner Blick für Wirklichkeiten. Aber wie in jedem Lande gab es in England eine grosse Partei, die gegen die Emanzipation der Juden im Prinzip waren. Es war dieselbe Partei, die gegen die Gleichberechtigung der Nonconformisten gestimmt hat, die Partei der „High-Church" und der Strengkonservativen, deren Hochburg das obere Haus, das „House of Lords" war. Und am Widerstande dieser konservativen Mächte scheiterten drei Jahrzehnte hindurch die vereinigten Bemühungen der Juden und der Liberalen. Wie gesagt, man darf sich nicht etwa vorstellen, dass die sogenannten „Jewish disabilities", die Judenbeschränkungen in derselben Weise gehandhabt wurden, wie unter ähnlichen Bedingungen in allen anderen Ländern. Weil eben in England die lex non Scripte viel grössere Bedeutung hat als das geschriebene, kodifizierte Gesetz, weil dort Recht und Volksgesinnung parallellaufende Faktoren sind, so vollzog sich die wirkliche bürgerliche, wirtschaftliche und soziale jüdische Gleichstellung von selbst. Was aber den eigentlichen Kern der Frage bildete, den Streitpunkt des Emanzipationskampfes ausmachte, waren die pol itischen Rechte, das Recht der jüdisehen Bürger, ins Parlament gewählt zu werden und Staatsämter zu bekleiden. Und hier sprach auf beiden Seiten der gesunde, logisch-konsequente englische Sinn. Die Kon-