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Ost und West · 1908-10-01 · Heft 10 (Oktober 1908) · p. Seite 613 - 614

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 10 (Oktober 1908)
Article
50 Jahre Gleichberechtigung in England
Date
1908-10-01
Page
Seite 613 - 614 (sequence 4)
Language
German
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613 A. Hooman M. A. (London): 50 Jahre Gleichberechtigung in England. 614 — aber die Bill wurde in allen drei Lesungen angenommen und an das House of Lords überwiesen. Hier scheiterte, wie vorauszusehen war, die Vorlage. Trotz der Befürwortung des Duke of Lussex, des Bruders des Königs, und der Regierungsmitglieder, wie Viscount Melbourne, des Lords Brougham, Holland und Auckland, mit einer Majorität von 50 Stimmen. Jede Niederlage stärkte den Mut der Streiter für die Emanzipation. Man warb um die Gunst des Volkes und der Parlamentarier. Der Marquis of Westminster brachte 1854 einen neuen Emanzipationsantrag vor das Oberhaus. Wiederum stimmten dagegen die High- Church-men, und sie fiel durch. Im Unterhause dagegen war die Emanzipation eine beschlossene Sache. Bloss neun Mitglieder, darunter Gladstone, stimmten dagegen. Die Sache blieb also in Schwebe. Mittlerweile machten die Juden einen Schritt vorwärts, indem sie energisch den Knoten zerhieben. 1835 wurde David Salomons, ein reicher, angesehener Kaufmann, zum Sheriff von London und Middlesex gewählt. Und wie es einmal in England ist — wurde der Präzedenzfall zu einem Gesetz, denn noch in derselben Session wurde im Unterhause ein Gesetz angenommen, die ,,Sheriffs Declaration Bill", die die Wählbarkeit der Juden zu Munizipalämtern legalisierte. Das Oberhaus nahm das Gesetz nach langem Wehren im Jahre 1845 an. Die Bresche war durchbrochen. Der Kampf ums Parlament drehte sich nun eigentlich um eine formelle Frage, die sogenannte ,,Eidesfrage". Jedes gewählte Parlamentsmitglied musste einen Eid ablegen, in dem es zum Schluss hiess: „So wahr ich ein Christ bin" (upon the true faith of a Christian). Die Gegner der vollständigen Emanzipation versteiften sich auf diese Formel, die eo ipso den Juden die Zulassung zum Parlament unmöglich machte. Aber David Salomons machte Schule. Im Jahre 1847 stellte Baron Lionel de Rothschild seine Kandidatur für das Parlament in der City of London auf — und wurde gewählt. Nun entstand eine merkwürdige Situation. Kraft seiner Wahl hatte Rothschild Recht auf seinen Parlamentssitz, konnte aber den Sitz nicht einnehmen, ohne den vorgeschriebenen Eid zu leisten — was für ihn unmöglich war. Wiederum brauchte der Premier-Minister Lord John Rüssel einen Antrag auf die vollständige Emanzipation der Juden. Disraeli trat mit einer brillanten Rede dafür ein — der Antrag drang in allen drei Lesungen durch — aber das Oberhaus verwarf ihn wieder. Während noch der Kampf um Rothschild wogte, kam ein zweiter Erfolg der Juden. Der unermüdliche, streitbare Sheriff David Salomons, der inzwischen mit Hilfe Lord Hollands Baronet geworden ist, wurde im Juni des Jahres 1851 als Parlamentsmitglied für Greenwich gewählt. Salomons Hess sich nicht ruhig abweisen, er bestand auf seinem Recht, einen für ihn giltigen, jüdischen Eid zu leisten und sein Mandat auszuüben. Er wurde schliesslich durch Parlamentsbeschluss gezwungen, sich aus der Parlamentssitzung zu entfernen und nachträglich zur Verantwortung wegen Widersetzlichkeit gezogen und zu einer Geldstrafe verurteilt. Die weiteren Einzelheiten des Kampfes haben kein allgemeines Interesse. Die Frage der Judenemanzipation wurde in eine andere verwandelt, eine Modifizierung der Eidesformel. Nach langem Hin- und Herstreiten zwischen Unter- und Oberhaus beschloss das erstere eine Eidesformel für sich einzuführen, deren Wortlaut kein konfessionelles Gepräge tragen würde. Dieser Antrag wurde zum Gesetz im Jahre 1858. Das House of Commons hat sich den Juden geöffnet. Und als erster hielt Baron Rothschild seinen Einzug. Acht Jahre später gab auch das Oberhaus den Widerstand auf. Die Emanzipation war vollendet. Alles in allem, es war ein würdiger, vornehmer Kampf — ein Kampf, wie ihn nur innerlich freie Menschen führen können. Auch die Gegner kämpften mit vornehmen Waffen. Mochten die Beweggründe eines Peel oder Gladstone welche immer sein, sie entsprangen einer lauteren Denkart, die auch der direkt Betroffene zu würdigen wusste. Die Emanzipation war restlos. Eine Judenfrage als solche gibt es in England nicht. Auch die „Anti- Alienisten" sind nicht judenfeindlich. Eine Garantie dafür ist und bleibt die „piety und power", von der Rabbi Manasse sprach, die innere Unabhängigkeit des freien Engländers.--- Als die Wogen des Kampfes um die Emanzipation hochgingen, äusserten sich viele jüdische einsichtsvolle Männer gegen die restlose Emanzipation, da sie darin die Gefahr einer Lockerung des Bestandes des Judentums erblickten. Hatten sie Recht? EIN BETH-HAMIDRASCH. Von Schalom Asch. (Dem Jüdisch-deutschen nachgebildet von Theodor Zlocisti.) Nachdruck verboten. Das Städtchen hat auch seine Zufluchtstätte für alle Nöte — das Beth-Hamidrasch. Mitten auf der Gasse steht es: Vier rauchgeschwärzte, morsche, tief in die Erde eingesunkene Wände. Das alte Schindeldach ist längst vom Regen zerfressen. Auf den beiden spinn gewebebedeckten Fensterchen erkennt man nur noch mit Mühe die schon längst abgeriebenen Davidsternchen. Die Treppen sind eingesunken. Die schwarzen Türen glänzen von all den Küssen, mit denen fromme Frauen sie bedeckten, so oft sie hindurchschritten. Und glänzen von all dem vielen Betasten, mit dem die nicht mehr so ganz frommen Frauen sich begnügten. Kein Mensch weiss mehr, wer einst das Beth-Hamidrasch aufgebaut hat. Die ältesten Leute wissen nur noch, dass damals, als sie selbst noch Kinder waren, das Beth-Hamidrasch so stand wie jetzt: damals, als sie am Simchath-Thorahfeste aus seinen Fenstern jubelnd ihre Fähnchen flattern liessen. Der ganzen Gemeinde gehört das Beth-Hamidrasch.

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