Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Michael Sachs
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 589 - 590 (sequence 4)
- Language
- German
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589 Michael Sachs. 590 die ihn hörten, wussten nichts mehr vom Ausmass der Zeit. Der enge Uaum der Synagoge weitete sich zum Plane, auf dem die Menschheit ihre Kämpfe kämpft. Um sich, um Gott. Er gah ihnen den Sinn des Lebens und lehrte im Unscheinbaren das Gesetz der Welt, im Achtlos-Verworfenen die Schöpferkraft Gottes erkennen. Auch den Widerstrebenden ergriff sein Wort — denn die Ergriffenheit war in seiner Eede. Und sie gab ihm, was kein Spiegel geben konnte, die Wahrheit der Geste, und sie gab jenes Pathos, das nur in prophetischem Munde tönt. Er hatte kein Programm. Und was er zu programmatischer Formel zusammendrängte, war nur ein Versuch, die Stimmen seiner Seele, die eingeborenen, mit den Worten alter Dichter, Sänger und Weisen und mit den Eufen des Tages zu Akkorden zu vereinen. Auch in den Tagen der Jugend war er kein Werdender, sondern immer ein Ganzer. Ganz er selbst. Seine Stellung zum Judentum war keine errungene, erworbene, sondern eine naturgegebene. Seine Stellung war ein Hingestelltsein: „Geist nnd Leben, ein höheres ideales Moment überall zn erkennen, das Erkannte auszusprechen, das Judentum in seiner Macht und Würde als eine Anleitung zu dieser höheren Fassung des Lebens darzustellen, seine Institutionen als Ausdruck seiner Ideen, seiner Geschichte, in ihrer belebenden, erhebenden Macht, die Stimmen seiner Gottesmänner in ihrer tiefgeschöpften, tiefergreifenden Kraft, seine Bedeutung für die Gegenwart, die der Gegenwart für uns — zum Bewusstsein zu bringen, das sucht' ich und so weit Gott helfen will, in mir selber und in den Büchern und Schätzen der Weisheit unseres Volkes — der Mattherzigkeit und Ohnmacht, der Knechtschaft unter dem Banne eines materiellen gedankenlosen Treibens den Heroldruf zu anderer höherer Arbeit zur Nutzung edlerer Kräfte entgegenschallen zu lassen — das ist mein Beruf, und ich hoffe zu Gott, ganz umsonst stehe ich nicht da." Er musste — nach dem Gesetz seines Wesens — in dem Eifer der Neuerer nur Zertrümmerung sehen, die aus „der grossen Kette frommen Sinnes ernsten Strebens, aufrichtiger Forschung" die Ringe herausschlägt, und die Lücken mit dem bunten Tand zierlicher Bändchen füllt. Er sah die Schönheit in den Bräuchen, in jeder Uebung das Spiegelbild des nationalen Geistes und jene tiefe Heiligkeit, weil sie der Tränen eines langen Martyriums, der Inbrunst gottergebener Geschlechter lebendes Zeugnis waren. Wie einen körperlichen Schmerz musste er das Weik der Reformer empfinden. Denn es war ihm lieblos, kalt, ohne Weihe, kraftlos, schwankend. — Auch ohne Veits, des Liberalen, Warnung wäre er nie für die Gefolgschaft der Männer zu haben gewesen, die „Mose und die Propheten wie Schulbüblein meisterten". Das Gotteshaus war ihm keine Stätte, in der Andacht fabriziert wird! Der Zwang des Herzens sollte zu ihm führen, des Herzens, das die Andacht zum Ueberquellen in sich trägt. Und diese Andacht der Vielen kann sich vereinen zum flehenden Gebet zum Ewigen, zur Erlösung und sittlichen Erneuerung der Staubgeborenen. Dürfen oder Nichtdürfen, war ihm nicht die Frage. Vielmehr: Bedürfen oder Nichtbedürfen, Brauchen oder Nichtbrauchen. „Es bedarf für die aus religiösem Sinne den Gottesdienst Besuchenden keiner neuen Anziehungs- und Reizmittel." Wer durch sie gewonnen wird, wird nicht erhalten. Sachs war nicht der Mann, der auf „gewonnenen Ueberzeugungen sass wie der Reiche auf seiner Truhe." Nicht Ueberzeugungen — sondern eingeborne Gewissheit war sein Teil. Und Lazarus ist sogar zur tiefsten Quelle seines Seins gedrungen, aus der das ganze Leben des seltenen Mannes sprudelte: er war eine poetische Natur. Er sah die Welt mit den Kinderaugen des Romantikers. Sie verklärte ihm die Vergangenheit, sie drückte ihm die Wünschelrute in die Hand, dass er in der Wüste die Bäche der Tiefe fand. Sie Hess Stimmen hören und süsse Choräle, wo andere vor der Stille standen. Im Alltag fand er himmlische Weihen. Im Stammeln zerbröckelter Märchen, im Lallen verschwebender Mythen und Legenden konnte er den hallenden Schritt des Schicksals hören. Und im milden Schein der Morgendämmerung, erhaben und feierlich, lag die Zukunft. Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind nicht ergrübelt und ergraben. Sie sind mehr Ahnung. Ihn lockt nicht selbstzufriedenes Schürfen nach Kleinigkeiten. Er findet die verborgensten Zusammenhänge, die Verbindungszüge zwischen Menschen und Ideen der wechselnden Zeiten: die grosse Linie der Entwicklung. Wie ein Dichter geht er durch ein sonniges Land. Dass ein Mann von dieser seelischen Struktur in der talmudischen Dialektik nie ein Meister geworden — wen wird es überraschen. Er hat es oft beklagt, dass auf diesem Boden sein Fuss nur scheue Schritte machte. Aber er ahnte