Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1908)
- Article
- Michael Sachs
- Date
- 1908-10-01
- Page
- Seite 591 - 592 (sequence 5)
- Language
- German
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591 Michael Sachs. 592 auch hier noch die Schönheit der Harmonie, die ihm willig und klar in dem Schrifttum der Bibel, im Midrasch und der Schöpfung jüdischspanischer Sänger entgegenlenchtete. In den Psalmen, die die frische Kraft des jungen Predigers magnetisch an sich rissen, fand sein Schönheitssinn die jüdische Heimat, die er nie verliess. Die Plastik ihrer Sprache, die Innigkeit des betenden Ichs, die Ergebenheit auch des Stolzes in die waltende Gerechtigkeit Gottes — sie spiegeln sich in seiner Seele, und selbst die Verbitterung der späten Tage kann ihren Abglanz nicht verwischen. Jene wundersame Schöpferart der Psalmisten — Träumerei und Gewissheit, Verzückung und geruhige Besonnenheit zugleich — schafft neue Formen für neue Ziele in d«?n Legenden, Märchen und Gleichnissen des Midrasch, die „mit der Klarheit des Kinderauges" die Bibel ansieht und in gläubiger Naivität deutet. Sein reger sicherer Instinkt liess ihn im Midrasch und der Aggadah den festen Ausgangspunkt der modernen Predigt erkennen, die auch Auslegung sein konnte in jenem höchsten Sinne, dass alle Kraft und Reinheit und aller Eeichtum, „mit dem man sich im Besitze göttlicher Wahrheit gesegnet fühlt% vor dem eigenen Blick und vor den empfanglichen „Jüngern und Hörern4' vorgelegt und ausgelegt wird. Im Gang seiner wissenschaftlichen Arbeit sehen wir den bald hüpfenden, bald versonnenernsten Schritt des Künstlers. Psalmen, Midrasch und das Werk der spanisch-jüdischen Dichter — sie können nur klingen wie die Variationen des gleichen Themas. Werke der Spanier wraren von anderen schon erschlossen worden. Aber keinem war es gegeben, die Gestalten lebendig zu machen; zu Freunden, die um uns sind und deren Träume und Schaffen wir belauschen. Er aber musste diese Sänger wie Ibn-Gabirol, Jehuda Haie vi verstehen. Er konnte die Welt der alten Dichter wieder erstehen lassen: denn er war Geist von ihrem Geiste und ihre Heimat war die Heimat seiner Seele. „Poesie im weitesten Sinne des Wortes" — so sagt er im Schlusskapitel seiner „Religiösen Poesie der Juden in Spanien" — ist dem jüdischen Volke zu keiner Zeit fremd gewesen. Wo eine Idee die Seele des ganzen Gesamtlebens bildet, da ist der ideale also poetische Zug die Basis aller Anschauung und der Boden, auf dem alle höheren Lebenserscheinungen ruhen." Nur einer künstlerischen Natur können Idealismus und Poesie sich zur Einheit vermählen. Und es ist ein seltsames Spiel, dass dieser poetischen Seele der Lorbeer des Dichters versagt blieb* „Ich bin kein Poet. Ich habe nicht die Gabe des Gesanges empfangen." Er wiederholt es mehrfach. Seine Uebersetzungen sind ihm nur gewisse Technik, die nichts mit dem Dichter gemein hat. Ihm war nicht gegeben, die Fülle der Gesichte, den Reichtum des Empfundenen, die Kraft des Mit- und Nacherlebens in die kosende Haft des Verses zu bannen. In den „Stimmen vom Jordan und Euphrat" und den Dichtungen der „Machsor" schwingt, kein Akkord aus der Melodie seiner Seele mit. Ein Rätsel hat Lazarus diesen Mann genannt, ein Rätsel für viele. Verborgen war es bei seiner offenen freien Natur niemand, aber vielen unverständlich. Er konnte das alte Judentum und die neue Bildung in sich einen. Und das ist seine Bedeutung weit über sein Grab hinaus: Er war der erste deutsche Jude, der sein Judentum suchte, gewann, erneute — und lebte in schimmerndem Glänze der Schönheit, mit der Seele des Künstlers, mit der Sehnsucht der Romantik.*) Ein Brief Michael Sachs' an Moritz Veit. (17. März 1840.) Der folgende Brief ist dem von L. Geiger herausgegebenen „Briefwechsel Sachs/Veit" entnommen. (S. 37 ff.) Er stellt die Antwort auf eine Mitteilung Veits dar. Veit hatte als Vorsteher der Berliner Jüdischen Gemeinde eine Unterredung mit dem Minister Altenstein, der in den jüdischen Kreisen als reaktionär verschrieen war. Veit konnte dieses Urteil nicht teilen. Er spricht mit Begeisterung von dem „weisen, milden und tiefblickenden Mann.*' Er kann indes auch die Ansicht des Ministers nicht teilen, der eine staatliche Regelung der religiösen Angelegenheiten der Juden davon abhängig machen will, dass die Judenheit „sich über die heutzutage geltenden Grundsätze des Judentums erkläre." In der Zeit der erbittertsten Kämpfe zwischen Reformern und Altgläubigen war eine solche Voraussetzung nicht zu schaffen. Sachs *) Wer sich mit Sachs des Näheren beschäftigen will, sei besonders auf den von Ludwig Geiger herausgegebenen „Briefwechsel Sachs-Veit" (1897, hingewiesen. Eine treffliche Einführung in das Studium Sachs' ist die Biographie Dr. Josef Eschelbachers, die vom Vorstand der Berliner Gemeinde als Festschrift für die Jubiläumsfeier ediert wurde. In diesem Denk wort Eschelbachers spricht ein Meister von Sachs.