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Ost und West · 1908-10-01 · Heft 10 (Oktober 1908) · p. Seite 587 - 588

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 10 (Oktober 1908)
Article
Michael Sachs
Date
1908-10-01
Page
Seite 587 - 588 (sequence 3)
Language
German
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587 Michael Sachs. 588 Er brauchte diesen Schutz nicht. Denn sein Adel umgab ihn wie eine Isolierschicht. Wie viele kamen zu ihm, um zu fluchen. Und da sie gingen, war ein Segen auf ihren Lippen. Ein „ Genie der Persönlichkeit" — wie ihn Lazarus genannt — vollzog sich durch ihn jenes Mysterium, von dem uns Goethe in Mahomeds Gesang leise Ahnung gibt: „Drunten werden in dem Tal unter seinem Fusstritt Blumen, und die Wiese lebt von seinem Hauch". „Im rollenden Triumph" gleitet er seine Bahn. „Und so trägt er seine Brüder, seine Schätze, seine Kinder dem erwartenden Erzeuger freudebrausend an das Herz". Die Kraft sieghafter Lockung lag in ihm; und nach dem Gesetze, das in ihm war — ein Geschenk des Schöpfers, des würdig zu sein er rastlos an sich arbeitete — zog er die Menschen zu sich, wie zu einem Zentrum in einem magnetischen Felde. Wer seinem Zauber verfiel, kam nicht mehr los — und wurde doch zu einem freien Menschen! Er band die Getreuen, und sie fühlten nur die Wonne der Erlösung. Er führte sie auf den harten Wegen der Pflicht, und sie sahen nur die Verklärung. In alle Nöte trug er jene heilige Stimmung, die selbst das Leid wie einen Segen hinnimmt. Vor seiner duftig-poetischen Seele verlor sich die Schwere, und er konnte in die Beladenen den Frohsinn der Zufriedenheit leiten. Er gab glückliche Stunden, die nur die Freuden der Höhe kennen; und hatte nicht die grosse Geste des Volksbeglückers. Friede, Milde und Demut strahlten von ihm aus, und dennoch war er eine stolze Natur, „die alles Herbe, alles Wilde gebändigt in des eignen Innern Welt." Nur einer war es, dem er sich ganz erschloss: Moritz Veit. Der Keichtum seiner Persönlichkeit zog ganz in diese Freundschaft ein, um die der Glorienschein antiker Grösse leuchtet. Die Briefe dieser Beiden lassen uns in ihre Gemeinschaft Blicke wachsender Entzückung werfen. Kein Plaudern der Bekanntschaft, kein Mitteilen zwischen Gefährten — sondern die Beichten zweier Seelen. Es ist wie eine Lockung in die Mystik alter Mythen: Die Tage ihres Lebens waren genau die gleichen. Als Sachs fünf Tage alt war, wurde Veit geboren; und da Sachs von hinnen geschieden war, folgte Veit fünf Tage später dem Kuf seines Schöpfers, als könnten die Freunde nicht ohne einander sein. Ein Jeder trug ein Stück der Seele des Anderen in seiner irdischen Hülle, also dass oft der eine nur die Ahnungen und Gedanken des anderen schreibt und Worte gibt dem, was im anderen eben erstehen wilh Wir hören von Sachsens Studien, von seinem Ringen und Kämpfen, seiner Hoffnung und seinem nagenden Zweifel. Wir hören seine kraftvolle Sprache, Worte, die wie Mosaike zarter Färbung und kunstvollen Schliffes aneinanderliegen, Worte hart, kantig, schwer wie unbehauenes Granitgestein. Wir hören von den Schöpfungen grosser Meister, die sich in die Schönheit seines Seins schmiegen. Shakespeare und Goethe werden seine Wandergenossen. Der Gedanke der Selbstentwicklung des Geistes, die Hege! mit gigantischem Eigensinn in den Epochen der Geschichte verfolgte, klärte seine Ahnungen zur Weltanschauung aus. Er sprach nicht von einem Beruf — doch war er berufen. Auf den Wegen, die uns ewig verborgen sind, war die Prophetenseele zu ihm gewandert. Veit, der es so leicht hatte, sich in des Freundes Seele einzufühlen — denn das war ihm nur eine andere Form des Selbsterkennens, — Veit konnte an der fünfundzwanzigsten Wiederkehr des Tages, da Sachs das erste Mal vor der Gemeinde das Wort Gottes gekündet hatte, dem Freunde das Geständnis ablegen: „Ich darf mir das Zeugnis geben, dass mich seit unserer ersten Begegnung auf der Universität in Deiner Art, Welt und Menschen zu sehen, in dem Ausdruck Deiner Gedanken — etwas von dem Geiste des Propheten angemutet hat. Und die Anziehungskraft, die Du seit jener Zeit ununterbrochen auf die verschiedenartigsten Menschen ausgeübt, hat mir, Gott sei Dank, Becht gegeben. Denn eine solche Wirksamkeit ist durch keine anders geartete Begabung zu erzielen; eine Art zu reden, die den Verstand, die Phantasie, das Gemüt und die Willenskraft gleichzeitig packt, stammt aus den Quellen des heiligen Geistes und heiligt die Geister." Sachs war kein Pfäffling und Lohnredner — er sprach nicht; es sprach aus ihm. Er führte nicht die Seelen zur Läuterung: er war nur ein Werkzeug einer höheren Macht. Das gab seiner Predigt den Charakter. Nur die grossen Linien des Gedankenbaues legte er nieder. Zuweilen nur! „Vorher schreiben Sie gewiss nichts auf, das kann ich mir denken!" sagt ihm Veit, der ihn erkannte. Er Hess es der Macht und Weihe der Stunde, dass sie ihm gebe zu sagen, was Erhebung, Glück und Frieden in die Gemeinde trüge. Er sprach lange. Aber

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