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Ost und West · 1908-10-01 · Heft 10 (Oktober 1908) · p. Seite 585 - 586

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 10 (Oktober 1908)
Article
Michael Sachs
Date
1908-10-01
Page
Seite 585 - 586 (sequence 2)
Language
German
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585 Michael Sachs. 586 der Erinnerungswürdigen ist zu gross, es wäre kein Kaum für sie im engen Jahreskreise. Sollten wir der Märtyrer gedenken? — Ganze Generationen sind in schmerzensvoller Reihe als erhebende Vorbilder dahingegangen. Sollten wir die Gelehrten und die Lehrer feiern, die in den Fusstapfen unserer Propheten gewandelt sind? — Wieder stünde uns die Fülle hindernd im Wege. So sind wir dahin gekommen, schweigend das Verdienst der Ungezählten hinzunehmen; schweigend, aber nicht danklos. Wir wollen und werden die erzwungene Gewöhnung nicht ändern. Doch hier empfinden wir Herzensdrang, die Schuld der Väter zu zahlen, als Nachfahren eine Anerkennung auszusprechen, die die Zeitgenossen in gerechtem Umfang versagt haben. Sie konnten vielleicht nicht anders. Es ist ihnen vielleicht unmöglich gewesen, sich in die Art des grossen Predigers hiaeinzufinden, der in so merkwürdiger Weise historischen Sinn mit historischem Weitblick vereinigte, den beherrschende Pietät nicht hinderte, das Schöne neben das Alte zu stellen, mit dem Schönen das Alte verehrungsvoll zu schmücken, der ein Neuerer war im Bannkreis der Tradition und ein Wahrer der Tradition gegenüber den Neuerern, die in ihrem Eifer so manchesmal des rechten Masses vergassen. Vielen galt Michael Sachs selbst als ein Neuerer. Mit Unrecht. Denn nicht ein Neuerer, sondern ein Erneuerer ist Michael Sachs gewesen. Wenn er dem jüdischen Kultus die Schönheit wiedergab, so betrachtete er sich nicht als einen Reformator, wollte er kein Eeformator sein- Er unterschied nur als ein Kenner zwischen Staub und Edelrost. Aus dem Staube holte er das Verschüttete, Vergessene hervor und liess es in voriger Schönheit erstrahlen. Das Formelwort: „wie schön sind deine Zelte, Jakob, deine Wohnungen, Israel?" liess er neue Wahrheit werden, liess er neues Leben gewinnen. Sein an der hellenischen klassischen Kunst gebildeter schönheitsdurstiger Geist forschte im Judentum und fand unter seiner Verwitterung eine tiefe, erhabene, heilige Schönheit- In dieser Gewissheit lebte er, ihr widmete er seine Arbeit und seine Kämpfe; selbst seine Eesignation war dieser Ueberzeugung entstiegen. Eine sonnige Persönlichkeit voll Höhe und Stolz, sah er im Judentum, in seiner Geschichte und seinen Schöpfungen nur das Grosse, Stolze, Sonnige. Die Gewundenheit enger Ghettostrassen wie die Gewundenheit engen Ghettogeistes waren ihm fremd. Er war in Glogau geboren, wo frühe schon die Freude an den stillen Künsten hebräischer Poesie ihre Stätte hatte, und wo ein freieres, reicheres Leben zu Höhen führte, die den Blick von den Kanten und Winkeln des Judentums zu der Geschlossenheit seiner Formen leiteten. Wo andere sich stiessen an altersverbogenem Gebälk, gab schon die Erziehung in dieser schlesischen Gemeinde jene Distanz, die die ungebrochene Linie überschauen liess. Seine Sinne rangen nach der Umfassung des Ganzen. Das Kleinliche versank, wenn es sich nicht sonder Zwang einfügte und anschmiegte wie ein schmückendes Relief zum stolzen Gebäude seiner Weltanschauung. Ein Greuel waren ihm jene Handlanger, die „vor lauter Wühlen im Schosse ihres Stoffes das Sonnenlicht des freien Gedankens nicht mehr zu sehen bekommen." Der Weg seiner Bildung war ein Emporsteigen auf die Höhe eines einsamen Berges. Jeder Schritt naeh vorwärts gab neue Fernsichte und die segnende Weihe der Andacht. Er nahm die Welt und alles was sie füllet, hin mit der Empfänglichkeit taufrischer Naivität. Und das sonnige Kindesgemüt umgoldete mit lichten Säumen selbst das dunkle Gewölk, das so oft seine Tage zu verdüstern drängte. Selbst seine Verbitterung fand Worte geduldiger Liebe. Für den Kampf war er nicht geboren. „Bei aller Heftigkeit und Raschheit meines Naturells" — klagt er Veit — verdammt mein Inneres langsamer und später als mein Mund, mit dem ich eigentlich nur mir selber imponieren will und andern die meinem Verstände klar vorliegende Überzeugung beibringen, die ich aus einer Art von Schwäche in praxi mir ableugne . . Ein Stümper in der Kunst des Hassens, sah er selbst im Gegner das Werkzeug Gottes, geschmiedet für Ziele, die der Feind selbst nicht kannte, die aber nur Stufen der Emporläuterung sein konnten. Die Reinheit seiner Seele suchte und fand die Schönheit in dem Zerwühlten, edles Gut in der Verworfenheit. Und das Geheimnis seiner versöhnenden Kraft schritt über jene unsichtbaren Brücken, die sich von dem Adel seiner Art zu den nur ihm offenbaren unverwüsteten Seelengeländen der Gegner wölbten. Aber es war nicht die Ängstlichkeit des Feigen und des Leeren, die sieh anpasst um des lieben Friedens willen. Das geschwungene Schwert sank schlaff vor diesem Manne, der nur ein mildes Lächeln hatte. Er brauchte den Rat Veits nicht zu befolgen, um die Rotte auszujäten, die ihm die Berufung nach Berlin zum Ekel zu machen drängte: „Ziehe Dir Handschuhe an!"

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