Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Die Kinderlose
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 563 - 564 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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563 Itzchak Schami: Die Kinderlose. 5G4 Er packte das Kind und setzte es auf seine Knie, er drückte, küsste es, presste es an sein Herz, schüttelte und quetschte es — bis schliesslich das Kind zu weinen begann — und nur dann liess er es los — dabei glühte sein Gesicht . . . In diesem Augenblick fühlte Flor etwas wie einen Riss durchs Herz gehen, ein bitteres Gefühl beschlich sie; ihre Augen sprühten Neid, Hass und Scham . . . Seit jenem Augenblick konnte sie nicht mehr ruhig Kinder ansehen, die mahnten sie zu sehr an die Zwecklosigkeit, die Leere ihres Daseins, die betonten und brachten ihr das Kleinod zum Bewusstsein, das ihr fehlte. Ihre Besuche bei den Nachbarn wurden auch immer seltener; der Anblick, wie ihre Nachbarn für die eigenen Kinder sorgen, wie sie sich um die Erziehung und die. Verpflegung derselben kümmern — alles das erinnerte sie stets daran: „nur du bist kinderlos und hast keine Beschäftigung . . Und die Wonne, die sie auf dem Gesichte einer Mutter beobachtete, in dem Augenblick, als diese ihren Jangen umarmte und ihm die Brust an die Lippen legt — so ein Schauspiel brachte sie stets in gedrückte Stimmung, und so zog sie vor, einsam zu Hause zu bleiben, um nicht derartiges sehen zu müssen und nicht von den Leuten gesehen zu werden . . . Zuweilen, von Zeit zu Zeit, geht sie an dem „Kuteib" vorüber. — Dann hört sie die Stimmen der Kinder beim Lernen, sieht die Kinder beim Spielen — es sind deren so viele dort — und kein einziges gehört ihr ... es gibt kein einziges darunter, das ihre „Leibesfrucht" wäre, das ihr nah am Herzen läge, das ein Teil ihrer Seele wäre, für das sie zu sorgen hätte — wen hat sie denn und was soll sie hinieden? . . . Jahr aus, Jahr ein suchte sie sich beständig zu „heilen", setzte sich allen möglichen Beschwörungen, Heilungen, Hexensprüchen, Zauberkünsteleien aus; vergebens — sie ist einmal „unfruchtbar." Das Gesicht ihres Gatten verfinsterte sich von Tag zu Tag ... ein bestimmter Gedanke scheint seine Stirn zu runzeln . . vielleicht beabsichtigt er, eine Frau zu heiraten ohne sie davon in Kenntnis zu setzen? . . . oder vielleicht will er ihr die Scheidung ankündigen? Schliesslich Leschloss Flor, ihrem Gatten ihre Bewilligung zu erklären, sich eine Frau zu nehmen, um Kinder zu zeugen ... Sie vertröstete sich damit, ihr Pressiado würde vielleicht von ihr dieses grosse Opfer nicht annehmen wollen, und falls er es täte, würde er 'gestatten, dass sie selber es auf sich nimmt, ihm ein armes nicht allzu hübsches Mädchen aus guter Familie ausfindig zu machen, ein solches, das nicht hernach gegen die Hausherrin zu frech wird . . . So kam es, dass eines Nachts, als Pressiado am Tische sass und vor Langeweile halb eingeschlummert war, sich Flor an ihm heranschlich und zu stammeln anfing:. — Ich hab' Dir was zu sagen . . . Pressiado! . . Sie kann sich nicht mehr entsinnen, wie sie es zustande brachte, ihm die Sache mitzuteilen; sie weiss nur, da«s sie ihre Stotterei mit den Worten schloss: — Nur, bitte, mich nicht zu vergessen . . . Auch das blieb ihr fest in Erinnerung, dass er seine Augen staunend öffnete — und ihren Worten sofort beipflichtete, ohne im Mindesten zu zögern: „und was denn — sprach er — sollte ich etwa ohne Kadisch, ohne Namen und Nachkommenschaft dahinscheiden?" In derselben Woche erkor er sich ein Mädchen nach seinem Geschmacke . . . freilich hat er sie auch um Rat gefragt, aber Flor sah es ihm gleich an, dass es für ihn eine beschlossene Sache war, dass er nur — um des Scheines willen ihr Gutachten anrief, und es blieb ihr nichts übrig als „Amen" zu sagen . . * * Ein trüber Morgen voll Nebeldünste, die die Stadt und die grünen Fluren rings umher verschleiern. — Eine trübe Morgenröte dämmert im Osten auf und verbreitet sich bis zum Westen. Der Hochzeitssaal steht schon leer da, nur einige Angehörige der Yerlobten sind zurückgeblieben, Manns- und Frauenspersonen, die genötigt sind, ihren Platz im Hause beständig zu wechseln, damit die Dienstmagd den Fussboden von den Schmausresten ausfegen kann. Zwei Männer schicken sich an, das Morgengebet zu verrichten, bevor sie zu Bett gehen; sie hüllen sich in den Tales ein, binden dieTfilin an — und beginnen in Nasaltönen Gebete zu summen, die voll Trauer und verborgener Klage sind; es ist schwer, auf ihren Gesichtern die gestrige Ausgelassenheit und Fröhlichkeit zu erkennen . . . Vier junge Leute sitzen am Tische, spielen Karten und wiederholen mit schwacher, gebrochener Stimme die Lieder, die gestern Nacht der Hauptmusikant Heb Nissim zum Besten gab. Eine junge Frau steht dabei und wartet auf ihren Mann, bis er fertig ist, um mit ihm nach Hause zu gehen. Sie ist auffallend blass und müdt*. Pressiado kommt herein . . . Der Saus uud Braus von der Nacht ist geschwunden, und er fühlt eine eigentümliche Leere und Langweile, die seine Seele ausfüllen; nur ein einziger, gewaltiger Wunsch beherrscht ihn. Er will sie sehen, seine Flor, er sucht sie, er will erfahren, was sie im Laufe der Nacht durchlebt hat, er will versuchen, möglichst die Last ihrer Trauer zu erleichtern. --- Diese seine Lebensgefährtin, diese seine treue Freundin, diese Frau, die ihm gestattet hat, eine zweite Gattin zu nehmen, die es ihm selber anriet und die