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Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. Seite 561 - 562

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Article
Die Kinderlose
Date
1908-08-01
Page
Seite 561 - 562 (sequence 3)
Language
German
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561 Itzchak Schami: Die Kinderlose. 562 hat sie lieb und verhätschelt sie genau wie Vater und Mutter . . . Es war an einem schönen Sommerabend — er geht mit ihr spazieren, sie kommen beide an das naheliegende Bächlein, sie erheitern sich köstlich, die Zeit wird ihnen nicht lang, sie machen einen Damm und versperren den Ausgang des Wassers; als die Rinne überfüllt wird und das Wasser überläuft — wird der Damm mit einem Stoss zerstört und das Wasser fliesst mit lustigem Geräusch au* . . . Indes geht der Tag zur Neige, kleine Sternlein zünden sich am Himmelszelt an, Pressiado nimmt sie auf seine Arme, um sie nach Hause zu tragen, und sie tut so, als ob sie auf seiner Schulter eingeschlafen wäre — und es ist ihr so wonnig zu Mute . . . Es bereitet ihr die grösste Freude, nach dem ..Kuteb" (Cheder-Schule, auf sfardisch) zu gehen, um Pressiado das Essen zu bringen und auch das Obst, das ihr die Mutter gibt, bringt sie zu Pressiado, um es mit ihm gemeinsam zu gemessen —-- Flor dreht sich auf ihrem Lager von einer Seite auf die andere und zieht ihre Beine unter sich, die so kalt sind wie Marmor. Sie versucht den Strom ihrer Erinnerungen zu dämmen, doch der überschäumt und Welle stürzt zu Welle; die Kette ihrer Erinnerungen reiht unter den Tönen der Musik alle Perlen wieder an. Aus dem Kinde Florchen ist ein Fräulein geworden. Der Spiegel verrät, dass sie ein hübsches Mädchen, Lust und Liebe fangen an, ihr Herz zu bewegen ... ihr Verhältnis zu Pressiado beginnt eine andere Wesensart anzunehmen — sie kann sich schon nicht mehr so frei kameradschaftlich mit ihm ergehen wie früher, und als er ihr ins Gesicht schaut, wird sie rot; dieser stramme Kerl wirft ihr staunende Blicke zu, und ihr Herz zittert und vergeht vor unendlicher Wonne . . . Mama sieht alles, Mama beobachtet, Mama versteht — und lässt alles geschehen . . . Pressiado — der bekommt eine ansehnliche Erbschaft von seinem Vater, und ist ein stattlicher Bräutigam . . . . . . Vierzehn Jahre alt war sie zur Zeit ihrer Heirat und sie war auch geputzt und geschmückt an jenem Tage, sie sass auch zur Rechten von Pressiado oder ging tanzen ... ist nicht gar diese Nacht ihre eigene Hochzeit? . . . Ihr heftiger, brennender Schmerz erneuert sich, glühend steigen in ihr die Wehegefühle . . . sie schaudert, sie knirscht mit den Zähnen . . . Unwillkürlich murmeln ihre Lippen: „Mutter . . . Vater, Mutter!" Es ist aber gut, dass diese tot sind und die heutige Hochzeit nicht sehen müssen ... die waren — Friede sei mit ihnen — nur daran gewöhnt, sie glücklich, sie ein Leben voll Liebe, voll Ehre, ein rauschendes Leben fähren zu sehen. Sie hat sich ihrem Manne mit Leib und Seele ergeben: „Wo lerntest du so stark lieben?* pflegte sie der glückliche Pressiado zu fragen . . . und er selber achtete sie und liebte sie ausserordentlich, er war bestrebt, ihren kleinsten Launen zu willfahren — und die Eltern sahen dem stillschweigend zu und waren darüber hocherfreut . . . Der Vater sah sie nur im Glück — er starb, noch bevor ein Jahr seit ihrer Hochzeit verging — aber die Mutter — die fing schon an, ein wenig sich über ihre Tochter zu beunruhigen — es vergingen der Jahre zwei, drei, und ihr einziges Florchen hat noch kein Kind . . . Die Mutter — es genügt Flor, die Augen zuzumachen, und sie sieht sie, sieht ihr schönes Gesicht, das so offen und achtunggebietend scheint . . . ihren zierlichen Kopf, dessen Haare nach alter Sitte durch eine Haube bedeckt sind ... es dünkt Flor, sie brauchte nur die Hand auszustrecken, die unter der Decke verborgen ist, — und sie würde ihre Mama finden, würde sie festhalten, würde sich auf ihre Knie niederlassen und ihr heimlich ins Ohr ihre ganze Lage flüstern, das ganze Unrecht, das ihr angetan wurde, wie ihre Rechte mit Füssen getreten wurden, wie sie von Pressiado verraten wurde und er sie in ihren Hoffnungen enttäuschte . . . und die Mutter würde sie trösten, würde ihre glühende Stirn mit Küssen bedecken, durch den Hauch ihres Mundes ihre kalten Hände erwärmen, und würde sie durch Liebkosungen und Vertröstungen auf ihrem Schosse einschläfern, um all ihr Leid und Weh vergessen zu machen ... um ihr den verräterischen Gatten aus dem Sinne zu scheuchen . . . Sie hatte doch so viel Vertrauen auf ihn und seine treue Liebe gesetzt ... sie machte sich lustig über die Frauen, die sie beständig vor der Zukunft warnten; sie dachte, dass nur der Neid die Leute veranlassen konnte, „das Unglück" für ihr Haus zu prophezeien . . . nein, ihr Gatte macht sicherlich eine Ausnahme unter den Männern, und sie ist doch noch jung genug . . . nur eine Weile, die Zeit wird schon kommen und sie wird noch Kinder haben, auch Söhne zur Welt bringen — die Sehnsucht nach Kindern wurde freilich immer stärker bei ihr . . . ----Es war damals Passahabend; alle Nachbarn und Verwandte versammelten sich, um den Seder beisammen in einem Hause zu feiern. Kleine Kinder hüpften freudig herum, zwitscherten wie Vöglein, und freuten sich über das Herannahen des „Seders", ein kleiner hübscher Junge mit lockigen Haaren sass neben seinem Vater, das Buch der Hagada auf seinen Knien haltend, und harrte mit seinen grossen Augen herumspähend, der Stunde, in der er seine Rolle spielen sollte . . . der Augenblick kam und der Kleine hub an den „Ma nischtano" vorzutragen. Sein helles dünnes Stimmchen widerhallte im ganzen Saale wie das Geläute eines Silberglöckchen, alle Anwesenden fanden grossen Gefallen an dem reizenden Kind — und Herr Pressiado schien ganz ausser sich geworden zu sein.

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