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Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. Seite 559 - 560

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Article
Die Kinderlose
Date
1908-08-01
Page
Seite 559 - 560 (sequence 2)
Language
German
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559 Itzchak Schami: Die Kinderlose. 560 Mcht doch, Frau Flor! das geht nicht! wenn es darauf ankommt, müssen sie das Glas bis auf den Grund leeren . . . vergessen Sie nicht: wir haben heute Hochzeit und wir sind verschwägert . . . verwandt, blutsverwandt ... Sie haben meiner Stimme zu gehorchen, ich bin älter als Sie . . . das volle Glas wird sich ja beleidigt fühlen wegen Ihrer Weigerung . . ." Flor stellt das Glas heftig auf den Tisch, — der Wein läuft über und bespritzt das Gesicht beider — und sie macht sich zornig und verschämt davon . . . . . . Das Tanzfieber bemächtigt sich aller, der feurige Wein setzt alles in Fluss, entflammt die Herzen und vereinigt die Leiber wie zu einem einzigen; bärtige Juden, die stets den Hut aufhaben und lange Kaftane tragen, drücken sich an der Seite von nach Pariser Mode gekleideten, glatt rasierten Burschen; und alle helfen mit, den Geigen mit hohen heiseren Stimmen nachzuleiern . . . Was soll hier eigentlich die ganze Lust und Freude? Die Yioline will offenbar nur den Zusammenbruch von Flors Leben beweisen . . . Der Fussboden zittert und knarrt unter den Füssen der Tänzer, diese wirbeln, wirbeln mit Sang und Klang — und Flor kauert demütig hinter dem Schrank und schaut vor sich hin . . . Achtung: da werden der Bräutigam und die Braut vorgeführt, um an einem allgemeinen Tanz teilzunehmen . . . sogar dieser Brauch wird nicht ausser Acht gelassen, damit die Braut hernach die Gewissheit hat, eine ordnungsmässige Hochzeit gefeiert zu haben ... Die Menschenreihen pressen sich hastig, übereinander stolpernd, nach hinten, Tische und Stühle werden geräuschvoll weggerückt . . . Da ist sie, da ist sie die Jungfrau, der die ganze Belustigung gilt . . . Flor ist ergriffen, bebend, ihr Herz ist beklommen und brennt; ein eigentümliches, dunkles Gefühl beschleicht sie und sie schnellt von ihrem Platze; es gelüstet ihr fürchterlich, den Kopf dieser Unverschämten einzuschlagen, die sich erfrecht hat, ihr den Gatten zu rauben ... es gelüstet ihr, die Bande der Versammelten auseinanderzutreiben, die Treppe herunterzuwerfen — diese schändliche Bande, die erschienen ist, um von ihrem Fleische zu zehren, von ihrem Blute zu saugen ... sie macht einen Schritt vorwärts, noch einen Schritt ... sie ist schon ganz nah am Kreise, — doch da tritt sie mit einem Ruck zurück und läuft fassungslos vom Saale weg nach aussen . . . Ein Windstoss schlägt ihr in's Gesicht, zerzaust ihre Haare, jagt sie von der Truppe herunter nach hinten — und ihr ist, als drehte sie sich im Tanze herum, als hopste sie nach Befehl ihres Gatten und dessen Schwiegervaters, der sie verfolgt, um sie zu schlagen . . . auch die Wolken am Himmel tanzen mit ... es ist doch diese Nacht die Hochzeit ihres Gatten . . . Sie steigt auf das flache Hausdach — und ihr däucht, er hätte sie gepackt und trüge sie mit dröhnendem Lachen weit, weit in die Dunkelheit, in die feuchte Luft.---- Mechanisch fährt Flor mit der Hand über die glühende Stirn und streift die Selbstvergessenheit ab, in die sie versunken war . . . ihre Haare triefen grosse Wassertropfen auf die Kleider, ihre Achseln zittern und zucken, es ist ihr so sehr kalt, die Feuchtigkeit ihrer Kleider dringt bis an den Leib, bis an das Mark ihrer Knochen, und scheint ihr Blut starr zu machen . . . kraftlos erhebt sie sich von ihrem Sitze in der Ecke des Daches — und steigt auf ihr Zimmer herunter, das ihr nun so fremd geworden ist. Von weitem sieht sie die Braut, die ist so vergnügt und ausgelassen lustig, sie stolziert in ihren Schmucksachen, ihr Gesicht ist bepudert und beim Gehen schaukelt sie sich wie eine Ente, als winkte sie zu ihrem Gatten und lockte ihn mit ihrem ganzen Leibe . . . Flor bleibt gereizt, wie von einem Schlangenbiss sie muss ihr Zimmer eilig aufsuchen, das sie verriegelt . . . Mit fieberhafter Eile erledigt sie sich ihrer feuchten Kleider, trocknet sich mit einem zottigen Handtuch, betrachtet ihren Leib und seufzt . . . Das Festgewand vertauscht sie mit leichten Alltagskleidern. Die warme Zimmerluft und die trockenen Kleider wirken wohltuend auf ihre Stimmung, als wollte eine geheime Hand ihr die Last von den brennenden Augen fortwälzen, die sie zu drücken schien, und ihre Tränen versiegten — und auf einmal bricht sie in Weinen aus, warme Tränen rollen ihr über die Wangen . . . als wollte sie die Bitterkeit ihres namenlosen Unglückes weg waschen und sie fühlt sich ganz matt un 1 gebrochen am Körper . . . Gequält, in gedrückter Stimmung legt sie sich zu Bett ... sie schliesst ihre Augenlider — und gleich sieht sie Bilder, Kinderinnerungen, die da auftauchen und vor ihren Augen flattern . . . . . . Sie ist ein zartes Kind, das einzige ihrer Eltern, ihr weisses Röckchen reicht ihr nur bis an die Knie, und sie hat so gern ihre grosse Puppe, die ihr Papa gekauft hat — genau so wie ihre Eltern sie selber liebhaben! — Sie näht für ihre „Tochter'1 ein langes Kleid mit einem breiten Bande unten ... sie nimmt sie auf ihren Schooss, plaudert mit ihr, lallt ihr Wiegenliedchen . . . Ja dann, und nur dann war sie eine „Mutter" . . . . . . Pressiado hatte bei ihnen Kost und Logis; er ist grösser als sie, um etwa sechs, sieben Jahre älter, er pflegt ihr schöne Vögel aus Papier zu fertigen . . . Pressiado ist der Sohn des Onkels, der Onkel ist tot, und so blieb er in ihrem Hause wohnen, auch er

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