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Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. Seite 555 - 556

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Article
Israel Baal-Schem, der Stifter des Chassidismus
Date
1908-08-01
Page
Seite 555 - 556 (sequence 4)
Language
German
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555 Teil des jüdischen Volkes wandte sich wohl von dem verunglückten Messias ab, aber er beherrschte noch immer viele Kreise, darunter auch Männer von Gelehrsamkeit. Die Hoffnung auf die politische Befreiung des jüdischen Volkes war längst aufgegeben, dafür wurde in den geheimen Konventikeln der Sabetianer auf die „Befreiung" vom geschichtlich gewordenen Judentum hingearbeitet. Bis tief in das achtzehnte Jahrhundert dauerten die Kämpfe mit dem Sabetianismus, dessen zahlreiche Anhängerschaft in der Türkei, in Polen, Böhmen, Mähren und zum Teil auch in Deutschland und Holland lebte. Aus ihr gingen die Frankisten hervor, und zweifellos hat auch der Chassidismus manchen Berührungspunkt mit jener Bewegung, welche Jahrhunderte hindurch die Judcnheit so heftig erschüttert hatte. Israel Baal-schem und seine für seine Lehre begeisterten Jünger haben sich allerdings gehütet, mit dem talmudischen Jndentum greifbar in Konflikt zu geraten. Sie begnügten sich damit, dass sie die Volksmassen in ihrer Art religiöser stimmten, das Judentum gewissermassen volkstümlicher machten. Statt der Beschäftigung mit der talmudischen Dialektik und der gedankenlosen Befolgung der religiösen Bräuche, drangen sie auf ein stimmungsvolles religiöses Leben, wobei es weniger auf die Handlung als auf die Gesinnung, auf innige Frömmigkeit ankam. Als Theorie übernahm Israel Baal-schem wohl die kabbalistische Mystik des Isaak Lurje, aber er befreite sie von dessen grübelnder Melancholie und lebensfein dl icher Asketik. Israel Baal-schem lehrte eine in Gott fröhliche Frömmigkeit, Lebensfreude und Zufriedenheit. Bedeutsam war die Neuerung, die der Chassidismus im Gebetritus durchführte. Andachtloses Beten wurde streng verpönt; besser weniger zu beten und auch die religiös vorgeschriebene Gebetzeit nicht einzuhalten, als ohne Stimmung gewohnheitsmässig das Gebet vor Gott zu verrichten. Isaak Lurje hatte im Gebete die Formel gefunden, welche den Menschen mit Gott verbindet. In jedem Worte, ja auch in jedem Buchstaben ist die göttliche Inspiration, die Beziehungen Gottes zum Menschen zu finden. Deshalb wäre es frevelhaft, auch nur ein Wort andachts- und gedankenlos herzusagen. Die göttliche Harmonie in der Welt und in der Menschenseele würde dadurch gestört. Isaak Lurje, der in Palästina unter sephardischen Juden lebte, hatte den sephardischen Ritus mit seinen kabbalistischen Anspielungen versehen. Und 556 Grabstätte des Stifters des Chassidismus Israel Baal-Schern (gest. 1760) in Miedziboz (Russland). da die Chassidim diese kabbalistischen Theorien übernahmen, so eigneten sie sich ebenfalls den sephardischen Ritus an. Sie entfernten aus der Liturgie alles, was im Mittelalter an syna^ogalen Poesien (Pijjutim) hineingekommen war. Die Aenderung des Eitus, die Kürzungen der Liturgie und einige andere, wenn auch nicht bedeutende Neuerungen im religiösen Leben riefen bei vielen Rabbinern und Gemeindevorständen grosse Empörung hervor; man hegte gegen die Chassidim den Verdacht, dass sie in den Fusstapfen Sabbatai- Zewis und Jakob Franks gehen wollten. Es begann ein erbitterter Kampf gegen sie, als dessen hervorragendster Führer der Gaon aus Wilna galt. Israel Baal-schem selbst scheint au diesen Kämpfen nicht teilgenommen zu haben; sie nahmen eben erst nach seinem Tode einen solchen gehässigen Charakter an. Er war wohl eine mehr friedfertige, wenn auch selbstbewusste Natur, und er begnügte sich mit einigen Sarkasmen gegen die Eabbiner, gegen deren haarspaitende talmudische Diskussion, die er ins Lächerliche zu ziehen pflegte. Nach seinem Tode sind die „lobenswerten Taten" (schibche baal-schem tob) erschienen, eine Sammlung von Legenden über die von ihm verübten Wundertaten. Einiges davon hat einen poetischen Wert. Vieles aber ist geschmacklos oder älteren Legenden Dr. Simon Bernfeld: Israel Baal-Schern, der Stifter des Chassidismus.

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