Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Israel Baal-Schem, der Stifter des Chassidismus
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 553 - 554 (sequence 3)
- Language
- German
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553 Dr. Simon Bernfeld: Israel Baal-Schern, der Stifter des Chassidismus. 554 der chassidischen Bewegung einen grellen Schein werfen. Es ist auch nicht unwahrscheinlich, dass zwischen ihr und der der Frankisten ein innerer Zusammenhang vorhanden war, wie ja auch die fraukistische Bewegung als ein Ausläufer der messianischen unter Sabetai- Zewi zu bezeichnen ist. Es lässt sich nachweisen, dass in der Judenheit Jahrhunderte hindurch eine tiefe Sehnsucht nach einem neuen Ideal und nach neuen religiösen Ideen vorhanden war. Die Beschäftigung mit dem Talmud und mit dessen Dialektik konnte nicht allen denkfähigen Jünglingen und Männern genügen; auch die Eeligionsphilosophie des Mittelalters verlor später ihren Reiz. Gleichzeitig mit dem Empfinden eines Mangels an Lehrstoff ging durch die Gemüter ein Gefühl der inneren Unbefriedigung über das religiöse Leben, das sich erschöpft zu haben schien. Die blosse strenge Befolgung aller religiösen Bräuche befriedigte Viele nicht mehr. Es wurden häufig Versuche gemacht, ihnen einen neuen Inhalt zu geben, sie zu verinnerlichen und zu durchgeistigen, sie im Volksbewusstsein lebendig zu machen. Es war gewiss kein Zufall, dass der Sohar und die Kabbala viele Köpfe beschäftigten. Allerdings führten diese theosophischen Grübeleien auch zu bedenklichen Erscheinungen, in dem sich Das Innere der Synagoge des Stifters des Chassidismus (Israel Baal-Schem) in Miedziboz (Russland). Die Synagoge des Stifters des Chassidismus (Israel Baal^Schem) in Miedziboz (Russland). im Judentum zersetzende Tendenzen bemerkbar machten. Das Bedenklichste war wohl, dass sich im Sohar und in manchen kabbalistischen Schriften Anklänge an das Christentum finden, insbesondere an die Lehre von der Dreieinigkeit. So konnte die kabbalistische Mystik die Brücke bilden, die zum Christentum hinüberführte. Es ist eine billige Weisheit, wenn man den damaligen Kabbinern und sonstigen Führern der Judenheit, welche die aus diesem Treiben dem Judentum drohende Gefahr erkannten und zur Abwehr schritten, blinden Fanatismus und Verfolgungssucht vorwirft. Sie mögen sich in mancher Massregel vergriffen haben, aber sie konnten es bei ihrer Liebe zum Judentum nicht ruhig mitansehen, dass sich einige verwegene, anarchistisch angelegte Naturen anschickten, das Judentum so zu sagen an allen Ecken und Enden anzuzünden. Die Sabbatai-Zewi-Bewegung war ursprünglich eine religiös-politische von grossem Umfange, die wahrscheinlich unter anderen Umständen in der Geschichte des jüdischen Volkes eine bedeutsame Wendung herbeigeführt hätte. Hat sie doch die gesamte Judenheit des Morgen- und Abendlandes in ihren Kreis gezogen und alle Volksschichten erfasst. Selbst Spinoza betrachtete sie mit Aufmerksamkeit und hielt deren Gelingen für möglich. Als aber Sabbatai-Zewi seine messianische Eolle ausgespielt hatte, blieb noch seine zerstörende Tendenz gegen das Judentum übrig. Der grösste