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Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. Seite 557 - 558

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Article
Israel Baal-Schem, der Stifter des Chassidismus
Date
1908-08-01
Page
Seite 557 - 558 (sequence 5)
Language
German
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557 Dr. Simon Bernfeld: Israel Baal-Schein, der Stifter des Chassidismus. 558 nachgebildet. Es verdient noch hervorgehoben zu werden, dass nicht einmal alle Sagen sich im Kreise der Jünger und Anhänger des Israel Baalschem gebildet haben; sie sind zum Teil geschäftsmässig fabriziert worden, da sie „guten Absatz" fanden. Da in neuerer Zeit das Interesse für Ende Ador (März), Nacht. Draussen heult der Wind und grosse Regentropfen prasseln an die Fensterscheiben, die Strassenhäuser scheinen aus Furcht sich aneinander drängen zu wollen und sehen aus, als wollte sie die tiefe Finsternis von oben herabdrücken. Auf allen Fenstern schlummert Dunkelheit, nur hie und da schimmert durch einen halbaufgeschürzten Vorhang ein mattes, blasses Licht, ein Licht, welches das Schlafen im Hause bezeugt. . . Nur ein Haus steht ganz wach da und lässt durch alle seine grossen Fenster ein ungwohnlich starkes Licht hindurchleuchten. Zugleich dringen aus ihm verwirrte, aufgeregte Stimmen vermischt mit den Klängen von Geigen und Trommeln. Dort ist jetzt bei Herrn Pressiado ein grosses Festgelage, alle die Eingeladenen schmausen am Tische mit dem Bräutigam, der Braut und deren Angehörigen an der Spitze . . . Der Bräutigam Pressiado ist ein Mann in den Vierzigern, ein wohlbeleibter Jude mit dicken herunterhängenden Backen und kleinen gutmütigen Blicken. Er sitzt zur rechten Hand seiner schönäugisren Braut, deren jugendblühendes, rundes, etwas einfältiges Gesichtchen ein wenig närrisch aussieht. Auf dem geröteten, schweissperlenden Antlitz des Bräutigams ist eine leise Verwirrung zu erspüren, seine Augen schlichen sich seitwärts, als ob er was suchte, sodann kehren sie zu seiner schönen Braut wieder, und man kann ahnen, wie sehr ihm ihre Gestalt behagt und dass er sie mit fast väterlichen Mitleidsgefühlen betrachtet . . . Die anwesenden Gäste jubeln alle und strahlen von dem guten, auserlesenen Weine, den sie getrunken haben; die Eltern der Verlobten laufen geschäftig hin und her, lassen die gefüllten Gläser klingen und nicken den Umstehenden dankend zu, die auch nicht versäumen, das Brautpaar zu beglückwünschen und zu segnen . . . Die Musikanten beginnen mit feurigem Schwung zum Tanze aufzuspielen, wobei einer von ihnen zugleich mit näselnden Tönen ein Hochzeitslied anstimmt; die Beine der Tänzerin heben sich von selbst in die Höhe, springen auf den Fusszehen, die Körper bewegen sich, die Gesichter lächeln und alle Versammelten klatschten in die Hände . . . Israel Baal - schem auch in nichtchassidischen Kreisen erweckt worden ist, so dürfte man eine kritische Behandlung des Materials fordern. Dieses gilt in erster Eeihe bei der geschichtlichen Darstellung von Israel Baal-schems Leben und Wirken. Nachdruck verboten. Und in dem Eifer der Belustigung erscheint sie, die Hauswirtin, die Frau des Bräutigams; sie schleicht, verkorkte Weinflaschen in der Hand tragend, um den Kreis der Tanzenden herum, huscht ängstlich und rasch vorhei, als hätte man sie soeben angeherrscht, stellt den Wein auf den Tisch, sammelt mit zitternden Händen die leeren Flaschen und achtet in ihrer Zerstreutheit gar nicht darauf, dass ein Glas Wein von ihr umgeworfen wurde, so dass die Weinreste sich auf die neue Tischdecke ausschütteten . . . So sehr sie sich auch zu verstellen sucht, die Verbitterung lugt durch ihr mageres, kränkliches Gesicht deutlich . . . das graue Tuch, das ihren Kopf umwebt, scheint zu ihren 30 Jahren noch 10 hinzuzufügen . . . aus ihren blauen Augen spricht eine stumme Klage, und trotzdem sie sich Mühe gibt, sich zu beherrschen und ihr Gesicht zur Seite wendet, als wäre kein Bräutigam und keine Braut da, — es kehrt doch mit aller Gewalt in die Richtung zurück, wo das Brautpaar eben zum Traualtar geführt wird, — und es schiesst aus ihren Augen ab und zu ein Blick voll Gift und glühender Eifersucht . . . Die Versammelten, die sich früher um sie mit ganz besonderer Aufmerksamkeit und Höflichkeit bemüht haben, achten nicht mehr auf sie . . . es gibt kaum einen, der auf sie blickte ... die Leute haben sich betrunken und nun vergass man jeden Anstand — ihre Anwesenheit wird gar nicht mehr beachtet. . . alle sind vom Weine angeheitert und haben, ihr zum Trotz nur Tanz und Vergnügen im Sinne . . . Nur der Vater der Braut hat sie noch nicht vergessen, er kommt an sie heran, ein närrischer, trunkener Greis, und bietet ihr mit sanfter liebevoller Stimme an, ein Glas süssen Weins zu geniessen, — namentlich auf das Wohl der Verlobten . . . darauf meint er: „Warum ärgerst du dich? — so hat's ja Gott beschert, gesegnet sei sein Name!" . . . Sie will entweichen und tut so, als hätte sie ihn überhört, doch er umarmt sie, das volle Glas in der Hand und fleht sie an, es auszutrinken. Sie nimmt es schliesslich an, nippt davon einen Schluck und wrill es ihm sodann zurückgeben, jedoch vergebens. DIE KINDERLOSE. Aus dem Leben der spani>chen Juden (Sfardim) von Itzchak Schanii. U ebersetzt aus dem Hebräischen durch S. Krischewsky.

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