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Ost und West · 1908-08-01 · Heft 8-9 (August-September 1908) · p. Seite 551 - 552

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Journal
Ost und West
Volume
8 (1908)
Issue
Heft 8-9 (August-September 1908)
Article
Israel Baal-Schem, der Stifter des Chassidismus
Date
1908-08-01
Page
Seite 551 - 552 (sequence 2)
Language
German
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551 Dr. Simon Bernfeld: Israel Baal-Schern, der Stifter des Chassidismus. 552 noch immer eine grosse Rolle. Es ist gewiss keine Uebertreibung, wenn gesagt wird, dass Millionen von Juden im Chassidismus ihr Judentum finden, er ist ihnen aber noch mehr als bloss Religion nach unseren modernen Begriffen, denn er füllt ihr ganzes Leben aus. In neuerer Zeit ist vielfach der Versuch gemacht worden, das innere Leben der Chassidim poetisch zu schildern, die Aussenwelt, welche an dieser sonderbaren Erscheinung verständnislos vorübergeht, mit dem geistigen Gehalt des Chassidismus, mit der chassidischen Weltanschauung, vertraut zu machen. Auch wissenschaftlich wurde es bereits unternommen, den Chassidismus zu erforschen und historisch darzustellen; vor allem die theosophischen Probleme zu ergründen, von welchen der Chassidismus ausgegangen ist, die religiösen Ideen, die ihm zu Grunde liegen oder durch ihn entwickelt wurden. Es ist dies die Ethik des Chassidismus, die in der Tat eine reichhaltige Literatur aufzuweisen hat, der Wissenschaft aber, der Geschichte der jüdischen Religionsphilosophie erst erschlossen werden muss. Auch die Geschichte der chassidischen Bewegung, der Kämpfe, welche sie bei ihrem Entstehen durchzumachen hatte, und der inneren Spaltung, der sie bald darauf verfiel, auch diese Geschichte, auf wissenschaftlicher Grundlage geschrieben, ist noch nicht vorhanden. Die Wissenschaft des Judentums hat sich mit dieser Erscheinung nicht genügend befasst, uud mehr als einige Versuche, deren Wert ich gewiss nicht absprechen möchte, sind auf diesem Gebiete nicht vorhanden. Im Mittelpunkt der Forschungen über den Chassidismus steht die Person des Israel Baal-schem, die man von der einen Seite mit einem Kranze von verherrlichenden, nahezu vergötternden Sagen umgeben, von der anderen Seite hingegen tief herabgezerrt und der Lächerlichkeit preisgegeben hat. Ein geschichtlich zuverlässiges Bild von dem Leben und Wirken dieses Mannes haben wir nicht. Die Erlebnisse seiner Jugend, sein erstes Auftreten, sein Verhältniss zu den offiziellen Vertretern des Judentums — all dies ist nur sagenhaft geschildert. Man kennt blos seinen Geburtsort Miedziboz, wo er um das Jahr 1698 das Licht der Welt erblickt haben soll. Seine Eltern waren arm und er selbst soll in jungen Jahren einen nichts weniger als glänzenden Beruf ergriffen haben. Es heisst, er sei Gehilfe (Behelfer) eines armseligen Schulmeisters gewesen. Diese Beschäftigung, von der auch seine Verehrer zu erzählen wissen, beweisst aber keineswegs, dass er etwa unbegabt und geistig unbedeutend gewesen sei. Denn in Polen, wo damals der Lerneifer unter der jüdischen Jugend so gross war, gab es ein überschüssiges „Gelehrtenproletariat", wie man heutzutage sagen würde, und viele gelehrte Jünglinge und Männer niussten sich mit einem niedrigen Lebensberuf begnügen. Israel Baal-schem hat zwar literarisch nichts Authentisches hinterlassen, es ging ihm darin, wie manchem anderen Religions- und Sektenstifter. Aber man muss nicht einmal seinen ihn verherrlichenden Jüngern alles aufs Wort glauben, um anzunehmen, dass er eine bedeutende und faszinierende Persönlichkeit war. Dafür spricht schon der Umstand, dass berühmte talmudische Gelehrte von hohem Ansehen sich ihm anschlössen oder gar unterordneten und deshalb auch in den Gemeinden schwere Verfolgungen ertrugen. Manche von ihnen mussten, um der Verfolgung zu entgehen, die Flucht ergreifen. Israel Baalschem war kein Gelehrter in dem damals landläufigen Sinne, aber auch gewiss nicht der unwissende Mensch, als den ihn seine gehässigen Gegner schildern. Eine geschichtliche Ueberlieferung behauptet sogar, er hätte als Vertreter der rabbinischen Juden an der zweiten Disputation teilgenommen, welche der erzbischöfliche Administrator Mikulski am 16. Juni 1759 in Lemberg zwischen den Talmudisten und den Frankisten veranstaltet hatte (Grätz, Geschichte d. Juden, X, 434). Indessen ist dies kaum richtig, denn eine ältere und zuverlässigere Quelle weiss von der Teilnahme des Israel Baal-schem, der übrigens um diese Zeit aus dem Leben schied, an der Disputation von Lemberg nichts.*) Es wird auch berichtet, Israel Baal-schem habe den Rabbinern gegenüber seine Entrüstung darüber geäussert, dass sie durch ihre schroffen Massregeln die Frankisten zum äussersten getrieben und aus dem Judentum gedrängt hätten. Solange ein Glied noch am Körper hängt, soll er geäussert haben, sei noch immer Hoffnung auf dessen Gesundung vorhanden; es abzuschneiden sei verwerflich. Wenn er diese Aeusserung wirklich getan haben soll, so würde dies auf den Ursprung *) Nach einer mündlichen Mitteilung des Herrn Dr. Balaban in Lemberg, der nach archivalischen Studien eine Geschichte der Juden in Lemberg in polnischer Sprache geschrieben hat. Im authentischen Protokoll über die Disputation, in welchem die Namen der jüdischen Vertreter genau angegeben sind, kommt der des Israel Baalschem nicht vor. Die von Jakob Emden stammende Angabe, welcher die jüdischen Historiker gefolgt sind, rührt nach der Ansicht des Dr. Balaban von einer nicht verliisslichen Quelle her.

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