Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 8 (1908)
- Issue
- Heft 8-9 (August-September 1908)
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Theaters
- Date
- 1908-08-01
- Page
- Seite 523 - 524 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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523 Samuel Meiseis: Zur Geschichte des jüdischen Theaters. 52 i JAN VICTOORS. Jakob vor Pharao. AMSTERDAM. Auch die russische Regierung kam zu der Einsicht, dass man die jüdischen Untertanen in Odessa nicht mit drei Theatern belasten dürfe. Im Jahre 1885 erschien daher ein Ukas, der die Aufführung von Jargondramen im ganzen Zarenreich verbot . . . Alle drei Direktoren mussten einpacken. Goldfaden suchte sich noch einmal aufzuraffen; er ging nach Warschau, taufte sein „Jiddisches Theater" in eine „Deutsche Truppe" um und liess die Jargonstücke in einem verhunzten Deutsch spielen. — Zu gleicher Zeit feierte die jiddische Bühne ihre Triumphe in Galizien, Bukowina und in ihrem Geburtsland Eumänien. Gimpel eröffnete ein jiddisches Theater in Lemberg, Axelrad in Czernowitz und Mogulescu in Bukarest. In den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, als sich der grosse Auswandererstrom von Russland nach Amerika ergoss, begründete der jüdische Schauspieler und Dramenschreiber Horowitz das erste „Jiddische Theater" in New-York. In Amerika fand die jiddische Bühne einen guten Boden, auf dem sie sich stetig entwickeln konnte. In Amerika wurden die jüdischen Volksmassen zum Theater erzogen: dort lernten sie erst zwischen Drama und Lustspiel, zwischen Oper und Operette unterscheiden: Zwar hatte Horowitz noch nicht das erlösende Wort gesprochen, aber die nach ihm kamen, taten es. Horowitzens neue Richtung bestand darin, dass er in französische und deutsche Stücke das jüdische Kolorit hineintrug. So machte er aus Molieres Tartüffe einen „Sabbathai Zewi", aus Kotzebues Einsiedler einen „Abarbanel", aus Gogols Revisor einen jüdischen Theaterdirektor. Der Hauptvertreter dieser „amerikanischen Schule" ist Joseph Lateiner, der eine Reihe englischer Dramen undKomödien „jüdischte". Diese „Schule" ist selbst von den jüngeren modernen Kräften nicht ganz überwunden. Selbst der begabte moderne Dramatiker Jakob Gordin, der das jüdische Theaterwesen in New-York von Grund aus reformierte, hat nicht umhin können, Shakespeares König Lear in einen „jüdischen kenig lir" umzuwandeln. In New-York bestehen heute mehrere jiddische Theater, von denen das Peoples- Theater, das Thalia-Theater und das Grand- Theater als die angesehensten und künstlerischsten erwähnt zu werden verdienen. Auch im jüdischen